Festspielhaus Hellerau

Pressegespräch: Asylsuchende in HELLERAU

Im November 2014 hatte Dieter Jaenicke, Intendant des Europäischen Zentrums der Künste, der Stadt Dresden das Angebot gemacht, Asylsuchende in HELLERAU aufzunehmen. Nach der sofortigen Zustimmung der Oberbürgermeisterin und der Klärung der Vorbedingungen konnte dieses Angebot jetzt im April in enger Kooperation mit Sozial- und Kulturbehörde umgesetzt werden: Eine Familie mit zwei Kleinkindern aus Aleppo (Syrien) hat in der vergangenen Woche eine Hälfte eines der Künstlerapartments auf dem Gelände des Festspielhauses bezogen.

Um entsprechend der vorhandenen Ressourcen eine weitere kleine Gruppe von Asylsuchenden aufnehmen zu können, muss eine Nutzungsänderung für die zugelassene Unterbringungskapazität des betreffenden Gebäudetrakts veranlasst werden. „Unser Angebot an die Stadt ist unverändert, wir können bis zu ca. zehn weitere Personen hier in HELLERAU aufnehmen. Wir hoffen auf die Unterstützung der Behörden, so dass die Nutzungsänderung bald umgesetzt werden kann.“ sagt Dieter Jaenicke.

Für das HELLERAU-Team, das sich wie viele DresdnerInnen für Flüchtlinge in der Stadt engagiert, war der Einzug der Familie ein bewegender Moment. Nach wochenlangen Vorbereitungen kümmert sich nun ein fünfköpfiges Team neben seiner sonstigen Tätigkeit am Haus um die Familie, ist ansprechbar bei Fragen und hilft dabei, in der neuen Umgebung Orientierung zu finden. Ein persönliches kleines Willkommensfest mit syrischen Snacks und der Übergabe von Spenden aus der Bevölkerung Helleraus, u.a. einem Kinderwagen und einem Kleinkind-Tragetuch, konnte schon in der vergangen Woche stattfinden.

Der Großteil der Bevölkerung in Hellerau steht der Unterbringung der Asylsuchenden im Europäischen Zentrum der Künste offen gegenüber. Als das Angebot im letzten Jahr ausgesprochen wurde, traf eine überwältigende Anzahl an positiven Rückmeldungen bei uns ein. Um Fragen zu beantworten und Austausch zu ermöglichen lud das Europäische Zentrum schon im Dezember 2014 die direkten AnwohnerInnen zum Dialog. Einige AnwohnerInnen nutzten in der letzten Woche die Chance der Vorabinformation und besichtigten die Räumlichkeiten vor dem Einzug der Familie.

In den vergangen Wochen gingen bereits unzählige Spenden für die Asylsuchenden sowie Hilfsangebote von Privatpersonen, ansässigen Firmen und Hellerauer Bürgerorganisationen ein. Hilfsbereitschaft gibt es im Stadtteil auf allen Ebenen und von Menschen allen Alters. Ein Arzt kümmerte sich kurzfristig um eins der beiden Kinder, Rentner zeigten der Familie den Stadtteil, auch ehrenamtliche Dolmetscher unterstützen bei der Kommunikation. Über die Unterbringung hinaus ist HELLERAU –Europäisches Zentrum der Künste inzwischen auf verschiedenen Ebenen aktiv. Sprachkurse und Freikarten für Flüchtlinge gibt es seit Ende letzten Jahres, der erste TOLERAVE wurde mit über 1000 BesucherInnen (darunter über 100 Flüchtlinge) und gemeinsam mit einem großen Netzwerk aus lokalen VeranstalterInnen im März 2014 im Festspielhaus realisiert.

Mit dem Kitchentalk konnte eine regelmäßige Veranstaltung etabliert werden, bei der im kulinarischen Gespräch MitarbeiterInnen, Nachbarn, und internationale Gäste zusammenkommen, kochen und sich austauschen.

Theater sind nicht nur künstlerische Seismografen aktueller Entwicklungen, sie können sich auch als Orte verstehen, an denen kreativ positive Modelle für gesellschaftliche Problemstellungen gesucht und gefunden werden. „Niemand verlässt ohne Grund seine Heimat. Asylsuchende, Menschen die Unvorstellbares erlebt haben, respektvoll und so herzlich wie möglich in dieser Stadt zu begrüßen, ist für uns eine Selbstverständlichkeit“ sagt Dieter Jaenicke. Auch der Förderverein des Festspielhauses (Verein zur Rekultivierung des Festspielgeländes e.V.) hat das Europäische Zentrum der Künste von Beginn an aktiv beim Engagement für Flüchtlinge unterstützt. Er engagiert sich als Träger des interkulturellen Gartens Golgi Park, der auf der Grünfläche hinter dem Festspielhaus unter der Anleitung der Gärtnerin Anna Gampe entstehen wird. Ziel des Gartens ist es, gemeinsam mit Flüchtlingen, NachbarInnen und aktiven GärtnerInnen aus Dresden einen Ort für ökologischen, sozialen und kulturellen Austausch zu erschaffen. Ende Mai wird bereits ein erster Informations- und Aktionstag stattfinden. Eine Gruppe von Asylsuchenden, die den Garten mitgestalten möchten, hat sich bereits gefunden. Nun ist das Projekt auf Material- und Pflanzenspenden angewiesen und sucht weitere Garten-Interessierte und Aktive.

Dieter Jaenicke: „Dresden hat durch PEGIDA international stark an Ansehen verloren. In den letzten Monaten ist die „Dresdner Gemütlichkeit“ einer kontinuierlichen Auseinandersetzung über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gewichen, die nicht nur auf den Straßen und in den Wohnzimmern, sondern auch in den Kulturinstitutionen geführt wurde und wird. In Sachsen steigt die Zahl der Übergriffe auf Ausländer, Asylsuchende und ihre Unterkünfte. Wir selbst werden täglich mit den Ängsten und Fragen unserer internationalen Künstler und Künstlerinnen nach der Stimmung und „Gefährdung für Ausländer“ in unserer Stadt konfrontiert. Das ist eine unerträgliche Situation. Als Europäisches Zentrum der Künste wollen wir künstlerisch, sozial und partizipativ positive Modelle für ein kreatives und respektvolles Miteinander schaffen. Dafür arbeiten wir mit vielen verschiedenen Partnern und Partnerinnen zusammen. Und wir fangen gerade erst an!“

Europäisches Zentrum der Künste Dresden