Festspielhaus Hellerau

Nach der Verhaftung des russischen Künstlers Pjotr Pawlenski wird ihn Oxana Schalgyna in HELLERAU vertreten

Aufgrund seiner letzten Aktion „Bedrohung“ wird Pjotr Pawlenski nicht, wie ursprünglich geplant, an der Präsentation seiner Arbeit teilnehmen können. In den frühen Morgenstunden des 9. November 2015 zündete er die Eingangstür des russischen Bundes-Geheimdienstes FSB an, der noch immer in dem Gebäude residiert, von dem aus in den 30er Jahren die Stalinschen Säuberungen organisiert wurden. Nachdem das Feuer eine Minute brannte, nahm ein herbeieilender Verkehrspolizist Pawlenski fest. Begleitet wurde Pawlenski von zwei russischen Journalisten, die die Aktion dokumentierten. Die Bilder gingen um die Welt. Im gerade stattfindenden Gerichtsprozess äußerte sich Pawlenski: „Die brennende Tür der Lubjanka ist der Fehdehandschuh, den ich dem FSB ins Gesicht geworfen habe.“ Er plädierte, dass sein Fall nicht als Brandstiftung, sondern als Terrorismus behandelt werden soll.

In der Video-Lecture „Figures of Silence“ wird nun Pawlenskis Mitarbeiterin Oksana Shalygina seine Arbeit vorstellen und erklären, wie Pawlenski mit seinen Aktionen staatliche Institutionen zu Reaktionen zwingt.

Medien verzerren Ereignisse, reißen sie aus dem Kontext, geben ihnen eine neue Bedeutung. Doch egal, was über Pawlenskis Aktionen im russischen Fernsehen berichtet wurde, welches Echo sie in der internationalen Presse hervorgerufen haben: Sie sind mit sich identisch geblieben. Ein abgeschnittenes Ohrläppchen auf dem Dach einer psychiatrischen Klinik, ein Nagel durch den Hodensack auf dem Roten Platz, ein Mann in Stacheldraht eingewickelt vor der Justizverwaltung in Petersburg. Punkt. Pawlenskis Kunst widersetzt sich der Vereinnahmung und verortet sich außerhalb des zeitgenössischen russischen politischen Systems. Seine Aktionen schweigen in äußerster Lautstärke. Sie sind radikal in ihrer Ästhetik, riskant und schockierend. Pawlenski positioniert sich offen gegen Russlands Ukrainepolitik, gegen die Diskriminierung der LGBT-Community, gegen die zunehmende Nationalisierung. Seine Aktionen spiegeln den Zustand der russischen Gesellschaft und sind offen für Zuschreibungen. Die russischen Gerichte und die Politik versuchen sich an der Deutung, kommen aber zu keinem Abschluss. Die Aktionen sind weder Zeichen einer psychischen Erkrankung, noch Protest, noch Hooliganismus. Sie sind die Infragestellung dessen, was in Russland als Norm begriffen wird.

Pjotr Pawlenski Figures of Silence - Politische Kunst in Russland und Deutschland // Do, 26.11. 18 Uhr // Video-Lecture und Podiumsdiskussion mit Oxana Schalygina, Olga Vostretsova und Friederike Sigler (HfBK)

Europäisches Zentrum der Künste Dresden