Festspielhaus Hellerau

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Rekonstruktion der Zukunft

17.10.2017-18.11.2017

Fluchtpunkte der Moderne

Golgi Park – Interkultureller Garten

Die Ausstellung Fluchtpunkte der Moderne im interkulturellen Garten Golgi Park wirft einen Blick zurück auf das Gelände und dessen Nutzung zu Beginn des 20. Jahrhunderts – die Zeit der Reformbewegung, des rhythmischen Tanzes, der Verbundenheit zwischen Körper, Natur, Boden und auch zur Gartenarbeit.

Was genau auf dem Gelände des jetzigen interkulturellen Gartens in der kurzen aber einflussreichen Glanzzeit im Festspielhauses zwischen 1911 und 1915 passierte, ist leider kaum dokumentiert. Die Videoinstallationen von Nadja Kurz und die Comiczeichnungen von Ricaletto finden darüber ihre eigene Narration. Sie helfen Geschichten zu imaginieren und nachzuvollziehen, die auch weit über die Grenzen der Gartenstadt Hellerau hinaus reichen und das kurze 20. Jahrhundert entscheidend prägten.

Fluchtpunkte der Moderne spannt einen Bogen zwischen gerechtfertigter Reaktion auf die Industrialisierung auf der einen und der Entgrenzung der Gewalt im 20. Jahrhundert auf der anderen Seite – zwischen dem heutigen Gelände des Golgi Parks, dem Rückzugsort der Kommunard*innen Monte Verita und den Stätten der Vernichtung des 20. Jahrhunderts. Vor uns liegt nun gewissermaßen ein Kaleidoskop der Moderne. Ein ineinanderschieben von Utopie und Dystopie auf verschiedenen zeitlichen und räumlichen Ebenen. Die Open Air-Ausstellung lädt zum Reflektieren ein und wirft einen kritischen Blick auf jene Zeiten des Aufbruchs und der Veränderung.

Der Ort des Festspielhauses Hellerau war, bis kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, ungewöhnlich international. Eine Internationalität an die der Garten Golgi Park, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen, anknüpfen will. Damals lernten Kinder und Erwachsene aus Italien, England, Frankreich und vielen anderen Ländern, hier die rhythmisch-musikalische Erziehungsschule von Jaques-Dalcroze kennen. Den Hintergrund dafür boten nicht nur die Innenbereiche des Festspielhauses, sondern auch Außenbereiche, die in einer gedanklichen Symbiose mit der Gesamtanlage der Gartenstadt standen. Rhythmischer Tanz an der frischen Luft – die Eurythmie -, Nacktheit und Sonnenbäder auf den separierten Betonflächen, viel Raum, gärtnerische Arbeit und Subsistenz, eine gesunde, vegetarische Lebensweise ohne Alkohol und Nikotin, das alles sollte Körper und Seele vor der, oft als krankmachend und verlogen wahrgenommenen Zivilisation, schützen. Es galt der romantisierende Ruf: „Zurück zur Natur!“. Diese Verbundenheit mit der Natur mutierte im Laufe der Zeit jedoch nicht selten zu Chauvinismus und Deutschtümelei. Trotz aller Reformbewegung sprangen tausende begeistert für Gott und Vaterland in die Schützengräben des ersten Weltkriegs und damit in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Pazifist*innen waren auch damals in der Minderheit.

Europäisches Zentrum der Künste Dresden