Festspielhaus Hellerau

Rede zur Jahreseröffnung des Intendanten Dieter Jaenicke, 22.01.2015

Herzlich Willkommen in HELLERAU, herzlich Willkommen zu unserer Jahreseröffnung.

„Tragédie“ heißt das Stück von Olivier Dubois und seiner Compagnie aus Frankreich, mit dem wir das Jahr 2015 beginnen. Tragédie – Tragödie ist kein ganz unpassender Titel für das was sich seit Wochen in Dresden abspielt und wie Dresden von außen gesehen wird: als Hauptstadt von Fremdenfeindlichkeit in diesem Land.
Wir haben uns als Europäisches Zentrum der Künste dazu frühzeitig eindeutig positioniert. Wir beteiligen uns aktiv an vielen Initiativen für ein weltoffenes und nazifreies Dresden und haben gemeinsam mit den Freunden vom Schauspielhaus eine zentrale Rolle in der Organisation der Dresdner Kulturschaffenden für ein weltoffenes Dresden übernommen.

Ich kann Ihnen sagen, es war ein anfangs vielleicht etwas eigenartiges, aber dann doch ganz witziges Vergnügen, gemeinsam mit dem Intendanten des Schauspielhauses, Wilfried Schulz – wir so auf unsere älteren Tage – noch mal auf eine Demo zu gehen und am Samstag vor zwei Wochen das große Banner der Dresdner Kulturschaffenden für ein weltoffenes Dresden zu tragen. Und der Zug der Dresdner Kulturschaffenden hinter dem Banner konnte sich sehen lassen.

Wir reden aber nicht nur, wir demonstrieren nicht nur, wir hängen nicht nur ein Banner an die Fassade des Festspielhauses. Wir möchten ein Beispiel geben und ein Zeichen setzen. Deshalb haben wir der Stadt Dresden angeboten hier im Festspielhaus eine Gruppe von Flüchtlingen unterzubringen. Wir glauben, dass dies unsere Aufgabe als internationales Zentrum in dieser Stadt ist, in der es leider so wenig selbstverständlichen Umgang mit Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe, Kultur und Religion gibt. Wir sind einer der Orte in der Stadt, an dem man selbstverständlich Ausländer trifft, Künstler und Publikum aus anderen Kulturen, an dem man selbstverständlich andere Sprachen hört, Englisch, Französisch, Tschechisch, Chinesisch, Portugiesisch, Spanisch usw.
Wir sind stolz darauf und wir leiten daraus eine besondere Verantwortung und Verpflichtung ab. Deshalb haben wir angeboten Flüchtlinge bei uns unterzubringen. Wir sind sicher wir können das bei uns hier besser als an den meisten anderen in Frage kommenden Orten, können uns besser um Flüchtlinge kümmern, sie einbeziehen, vielleicht ein positives Modell schaffen.
Ich kann Ihnen sagen, dass es dazu gestern ein sehr positives Treffen mit diversen Behörden bei uns vor Ort gab. Jetzt werden alle Möglichkeiten geprüft. Sobald wir Ergebnisse haben, werden wir diese kommunizieren und natürlich auch mit den Bewohnern unseres Stadtteils in einen Dialog treten.

Meine Damen und Herren, es wird viel von den Ängsten derjenigen gesprochen, die bei PEGIDA mitlaufen und die man verstehen und ernst nehmen müsse. Ich finde wir müssen langsam aber auch mal anfangen von den Ängsten derjenigen zu reden, die sich massiv von PEGIDA bedroht fühlen, von den Ängsten der Flüchtlinge, die sich z.T. kaum noch auf die Straße trauen, von den Ängsten von Künstlern, die zu uns kommen und uns fragen wie sie sich denn verhalten können und sollen, ob sie sicher sind, wenn sie nachts ins Hotel fahren.
Vielleicht sollten wir nicht nur PEGIDA-Teilnehmer auf Ihren sogenannten Spaziergängen begleiten, sondern die Ausländer, die diese Stadt braucht und die in nie gekannter Weise und häufiger denn je auf den Straßen dieser Stadt angepöbelt und verunglimpft werden.
Wir können auch von unseren Ängsten sprechen, wenn wir beleidigende und offen bedrohende Zuschriften bekommen, wenn wir als Europäisches Zentrum der Künste mit der Nazi-Terminologie „entarteter Kunst“ beschimpft werden.

Ich habe Angst davor, wenn die Akzeptanz der Meinungsäußerung zunehmend an den äußersten rechten Rand ausgedehnt wird. Ich habe Angst vor der Schere im eigenen Kopf, wenn ich mich dabei ertappe zu überlegen, was wohl die Nachbarn sagen, wenn ich Flüchtlinge zu mir nach Hause einlade, oder mir zu überlegen, ob es wirklich klug war unsere Tochter Aisha zu nennen – und sie übrigens christlich auf diesen Namen zu taufen. An wie vielen Flughäfen wird sie jetzt Probleme bekommen? Wir erlauben uns inzwischen einen Generalverdacht gegen Muslime, erwarten von jedem Muslim zu allererst eine eidesstattliche Erklärung gegen Gewalt und Terrorismus. Jeder Politiker betont diese Abgrenzungsverpflichtung inzwischen „gebetsmühlenhaft“ (das ist übrigens eine andere Religion). Niemand darf wegen seiner Religion benachteiligt werden. Das verbietet auch jegliche Form von Pauschalverdacht. Und Christen sollten vielleicht mit einem kurzen Rückblick auf die Geschichte ihrer eigenen Kirche und deren über viele Jahrhunderte gehende Beteiligungen an Gewaltexzessen aller Art, da zuallererst Zurückhaltung üben.

Ich habe mir vor einiger Zeit den Koran gekauft, weil ich mir selber ein Bild machen möchte, was da nun wirklich drin steht und was nicht. Ich war erstaunt, wie schwierig das für die Buchhandlung war, das im Computer zu finden und zu bestellen und die Verkäuferin entschuldigte sich damit, dass das ja nie nachgefragt wird. Ich habe dann eine kleine private Umfrage gemacht und die mir bekannten Buchhandlungen in Dresden angerufen und nach dem Koran gefragt. Keine einzige hatte den Koran vorrätig, alle haben mir gesagt, dass das bei Ihnen noch nie nachgefragt wurde. Erstaunlich für eine Stadt, in der so viele Leute behaupten, sie wüssten so genau über den Islam Bescheid, dass sie ihn als DIE Bedrohung für das christliche Abendland ausmachen können.

Meine Damen und Herren, wir bemühen uns im Europäischen Zentrum der Künste in Dresden einen etwas anderen Ort, einen etwas freieren Ort zu schaffen, nicht nur mit unserem Programm, sondern in unserem Alltag, im unserem täglichen Umgang mit Künstlern aus aller Herren Länder (ist, glaube ich, auch noch ein Begriff aus Kolonialzeiten) im Umgang mit Ihnen, unserem Publikum.

In HELLERAU sind not only refugees welcome, sind nicht nur Flüchtlinge willkommen, nicht nur Künstler willkommen, sondern auch und besonders Sie, unser Publikum. Wir freuen uns über jeden von Ihnen, wir sind sehr dankbar für die vielen ermutigenden mails, die großartigen Angebote von Unterstützung und Mithilfe, die uns in den letzten zwei Monaten erreicht haben.

Die Willkommenskultur im Haus gilt für alle. Heute Abend laden wir sie nach der Vorstellung hier zu einer Party ein, bleiben Sie noch ein bisschen da, zum Reden, zum Tanzen zum Anstoßen auf das noch neue Jahr – und dass es vielleicht doch noch besser wird, als es bisher den Anschein hat.
Und dann können Sie auch noch ein bisschen im Haus herum laufen und die großartige Ausstellung „Schizophrenia Taiwan 2.0“ in allen Räumen anschauen. Wirklich sehenswert – und in Sachen Schizophrenie kennen wir uns in Dresden inzwischen auch aus.
Ich möchte an dieser Stelle dem Institut français in Dresden und der Vertretung Taiwans in Berlin und dem Kulturministerium Taiwans für ihre Unterstützung danken. Und wenn Sie, meine Damen und Herren uns unterstützen wollen: es gibt einen Förderverein Hellerau, dem kann man mit einem nicht zu großen Mitgliedsbeitrag beitreten. Dies ist eine gute Sache und hilft uns sehr.

Nun möchte ich an dieser Stelle meinen Mitarbeitern danken, die sich in den letzten Wochen mit einem beeindruckendem und bewegendem Engagement nicht nur für HELLERAU, nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch für das Bild dieser Stadt eingesetzt haben. Für mich ist es eine der wunderbarsten beruflichen Erfahrungen mit diesem Team zusammenarbeiten zu dürfen.

Ich danke Euch, ich danke Ihnen und wünsche Ihnen einen schönen Abend bei uns. Vielleicht gelingt es uns ja mal für zwei Stunden das PEGIDA-Thema aus dem Kopf zu kriegen.

Dankeschön!

Anmerkung: Im Anschluss wurde das Stück „Tragédie“ des französischen Choreografen Olivier Dubois gezeigt.

Europäisches Zentrum der Künste Dresden