Festspielhaus Hellerau

Okt 2014 – Klangabenteuer

Dieter Jaenicke

Neue Instrumente, neue Klänge, neue Klangräume und Soundlandschaften – das sind die TONLAGEN 2014. Das Festspielhaus wird in allen Räumen und Winkeln klingen und klingeln, von musizierenden Nähmaschinen bis zu indonesischen Bambusspeeren und chinesischen Underground-Soundinstallationen. Der Festivalbesuch ist ein Klang-Abenteuer, ein Gang durch ein universelles Sound-Environment.

Ungewöhnliche und neue Musikinstrumente stehen im Mittelpunkt des diesjährigen Festivals. TONLAGEN stellt Erfinder, Musiker und Komponisten auf der Suche nach Erweiterungen der klanglichen, harmonischen und rhythmischen Mittel und Formen in der zeitgenössischen Musik vor. Harry Partch, Visionär und Godfather der Just-Intonation-Bewegung, hielt sich nicht mit musikalischen Konventionen auf. Weil das von ihm erfundene 43-stufige Tonsystem mit herkömmlichen Instrumenten nicht spielbar war, erfand er ein einzigartig klingendes Instrumentarium. TONLAGEN bringt einige von Partchs Erfindungen in der Musik- und Animationsfilmperformance Krazy Kat vom Ensemble Musikfabrik auf die Bühne.

Mit seinem Folkofon, einem selbstentwickelten Video-Keyboard, komponiert der norwegische Musiker Ole Hamre zur Festivaleröffnung eine Hommage an die Stadt Dresden. Der türkische Sufi-Trance-Musiker Mercan Dede und seine Band Istanbul Tribe stellen die sphärischen Klänge einer Aqua Drum in HELLERAU vor. Das Bambuso Sonoro besteht aus unzähligen Bambusflöten, sein Erfinder Hans van Koolwijk bringt im FEATURE RING das Rieseninstrument zum Klingen. Zwei neue Bassinstrumente, das Lupophon und das Kontraforte, inspirierten junge sächsische Komponisten zu neuen Werken. Und das Klangforum Wien holt die Ondiola, auf der der italienische Exzentriker Giacinto Scelsi seine Kompositionen skizzierte, in den Großen Saal des Festspielhauses. Klanginstallationen und Instrumentalskulpturen von Martin Messier, Jean- François Laporte, Alwin Weber und Ulrike Gärtner verwandeln HELLERAU während der gesamten Festivalzeit in ein Klanghaus. Mit dabei der Stabgong des Dresdner Musikers und Instrumentenbauers Jan Heinke, dessen Wissen über die unglaubliche Vielfalt an ungewöhnlichen Instrumenten in die Festivalkonzeption mit eingeflossen ist.

Der zweite Festival-Schwerpunkt richtet den Blick nach Osten. Die Boom Towns Ostasiens, die uns Europäer mit ihrer rasanten Wandlungsfähigkeit in Erstaunen versetzen, sind nicht nur Brennpunkte gesellschaftlicher Entwicklung, sondern auch Hotspots künstlerischer Innovationen. TONLAGEN hat einige der aufregendsten Komponisten und Musiker eingeladen und stellt die aktuellen musikalischen Trends der Großregion vor. Fujui Wang zählt zu den Pionieren der Sound Art in Taiwan und spielt lässig mit Hörgewohnheiten. Aus Hongkong ist Samson Young zu Gast. Gemeinsam mit dem New Yorker Mivos Quartet dekonstruiert er die Königsgattung europäischer Instrumentalmusik von Anatomy of a String Quartet.

Den Bogen zu neuen Musikinstrumenten schlagen Senyawa aus Indonesien. Mit Bambusspeer und Extended- Voice-Gesang verwandeln sie traditionelle javanische Musik in atemberaubenden Noise Punk. Extrem phantasievoll sind die neuentwickelten Instrumente, die GayBird aus Hongkong in seiner Musikperformance CouCou on Mars zu einem großartigen Gesamtkunstwerk vereint. Das Eröffnungskonzert mit dem MDR-Sinfonieorchester unter seinem Chefdirigenten Kristjan Järvi, das Kammerkonzert Sturm und Ruhe in Kooperation mit dem Sächsischen Musikbund, die beiden musiktheatralen Produktionen Lâchez tout! von François Sarhan und Wir sind außergewöhnlich von Patrick Frank, ein Doppelkonzert mit dem Spitzenensemble recherche, das von der Hochschule für Musik und HELLERAU gemeinsam nach Dresden eingeladen wurde – all das gehört ebenso zum Festivalprogramm wie eine Schreibwerkstatt für angehende Journalisten, Künstlertalks und die entspannte Atmosphäre in der Festivallounge.

TONLAGEN 2014 wird noch internationaler: Künstler aus China, Frankreich, Indonesien, Schottland, Kanada, Belgien, Norwegen, Österreich, der Schweiz, Ungarn, Taiwan, der Türkei, den USA und aus Deutschland gestalten das Festival. Wir wünschen aufregende, anregende und (be-) rauschende Klangerlebnisse bei den TONLAGEN 2014.

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden