Festspielhaus Hellerau

Nov/Dez 2017 – Wir sind nicht neutral!

Dieter Jaenicke

Als wir das Jahr 2017 begannen, haben wir mit Rückblick auf 2016 ein „besseres Neues Jahr“ gewünscht. Gegen Ende dieses Jahres und einige Tage nach der Bundestagswahl mit besonders erschreckenden Ergebnissen in Sachsen haben wir nicht das Gefühl, dass dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Die Debatten danach finden in allen gesellschaftlichen Bereichen statt und machen natürlich auch vor den Kulturinstitutionen nicht halt: Die einen fordern auf, die Auseinandersetzung mit AfD-Wählern in die Kulturinstitutionen zu holen, andere meinen, Kultureinrichtungen sollten sich neutral verhalten.

Für HELLERAU kann das beides nicht gelten! Das Festspielhaus ist als ein real-utopischer Lebens- und Gesellschaftsentwurf vor über 100 Jahren entstanden, um ein Gegenmodell zu Kaiserreich, proletarischer Bewegung und aufkommenden völkischen Strömungen zu probieren. Die Rekonstruktion dieser Utopie als Ort eines völlig neuen Theaterverständnisses findet derzeit noch in HELLERAU statt. Der neue Bühnenraum des Theaters in der damaligen Bildungsanstalt Hellerau ist aber nicht ohne seine gesellschaftliche Utopie zu denken. Dem fühlen wir uns auch heute verpflichtet.

Das Festspielhaus Hellerau ist nicht nur ein Kunstort, nicht nur eine Bühne für zeitgenössischen Tanz, Theater und Musik, es ist ein Kommunikationsort, ein urbanes Experimentierfeld für die Einübung von Eigenständigkeit und Verantwortung, ein internationaler und interkultureller lokaler Begegnungsort, ein Ort für die Freiheit der Kunst, an dem wir mit und durch die Kunst Position beziehen für Demokratie und Pluralität, für Begegnung und Miteinander, für Kritik und Utopie, für einen respektvollen Umgang mit der Vergangenheit, Lust auf Zukunft und den angstfreien Umgang mit Veränderung.

Damit wird 2017 immer noch kein gutes Jahr werden, aber gerade deshalb ist es wichtig sich der Orte zu versichern, an denen um reale Utopie auch unter schwierigen Bedingungen nach wie vor gerungen und gestritten wird. HELLERAU ist und bleibt so ein Ort.

Aus den vielen Angeboten der letzten zwei Monate des Jahres ein Tipp und ein MUST SEE: Peeping Tom, seit Jahren Stammgast in HELLERAU mit seiner neuen Produktion Moeder – Mutter, die wie alle vorherigen in ein utopisches, tänzerisch-theatralisches Universum voller irrealer Wunder und Wirrungen führt – unser vorgezogenes Weihnachtsgeschenk an unser Publikum. Wir wünschen viel Spaß!

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden