Festspielhaus Hellerau

Nov/Dez 2015 – Vielen Dank, Frau Bundeskanzlerin!

Dieter Jaenicke

Es war schon merkwürdig zu sehen und zu lesen, wie gerade die, die der Bundeskanzlerin immer Positionslosigkeit und strategischen Opportunismus vorgeworfen haben, über sie herfielen, als sie in der Flüchtlingsfrage sehr eindeutig Stellung für einen menschenwürdigen Umgang mit den Flüchtlingen bezog und das unerträgliche humanitäre Drama in Ungarn mit einem schnellen und klaren Angebot wenigstens vorübergehend löste. Und es ist schmerzhaft zu sehen, dass ihr, die auf die Einhaltung der Grundwerte der Europäischen Union besteht, die Spaltung Europas vorgeworfen wird.

Durch den Flüchtlingsansturm auf Europa und besonders Deutschland ist inzwischen eine gesellschaftliche Diskussion um Grundwerte, um Humanität, Verantwortung und Gerechtigkeit entfacht worden, wie es sie seit der Einheit, vielleicht sogar seit den 60er Jahren in diesem Land nicht mehr gegeben hat. Inzwischen diskutieren auch Menschen, die Weber nie gelesen haben, über den Unterschied zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik, als wäre das schon immer Allgemeingut. Das ist ein Reifezeugnis für Demokratie, auch wenn gleichzeitig die rechten Ränder in der Diskussion größer werden. Nur der Zwischenraum für die Pegida-Versteher wird vielleicht immer schmaler.

Was hat Theater damit zu tun? Nichts und sehr viel! Theater ist nicht die moralische Instanz der Gesellschaft, obwohl die bürgerliche Idee des „Guten und Schönen und Wahren“ das nahelegt. Theater sind keine Kirchen und Intendanten keine Bischöfe. Der Gedanke, dass ein Herr Peymann oder Herr Lilienthal oder wer auch immer moralische Instanzen der Gesellschaft seien, ist eher gruselig. Theater sind Störfaktoren, legen die Finger in die Wunden und stochern mit ihren Mitteln darin herum, sie mischen sich ein in notwendige Debatten um Ethik und Moral, zetteln sie manchmal sogar an oder propagieren in manchen Phasen genüsslich die Unmoral als Verweigerung oder Protest. Das macht die Theater selbst aber noch nicht zu moralischen Instanzen, im Gegenteil, nur weil sie es nicht sind, können sie den Diskurs provozieren, nur weil die Theater eben nicht die Verwahrer des „Wahren“ sind, können sie falschen und richtigen Wahrheiten gegenüber kritisch bleiben. Das verbietet nicht Position zu beziehen und Verantwortung zu übernehmen und auch nicht Danke zu sagen, wenn – was selten genug passiert – Politik explizit und praktisch auf die Einhaltung von Grundwerten besteht.

Um Position und Verantwortung bemühen wir uns im Europäischen Zentrum der ünste in HELLERAU mit unserem Engagement für Flüchtlinge, für Mitmenschlichkeit, für Weltoffenheit: mit Rede, Kunst und Diskurs, aber eben auch ganz praktisch mit partizipativer Kulturarbeit, sozusagen mit Küche, Garten und Wohnungen. Inzwischen wird das weit über Dresden hinaus wahrgenommen: Als eine der wenigen Kulturinstitutionen aus den Neuen Bundesländern sind wir vom Goethe-Institut zu einem ersten bundesweiten Runden Tisch über Kultur und Asyl nach München eingeladen worden.

Wir danken allen, die uns dabei unterstützen und wünschen viel Spaß bei Kitchen Talk und NORDWIND Festival, beim interkulturellen Golgi Park, bei den mit Spannung erwarteten ersten Vorstellungen der neuen Dresden Frankfurt Dance Company, bei CYNETART und She She Pop, bei Linie 08 und Feature Ring, den Weihnachtsvorstellungen von DEREVO und vielem mehr - und hoffentlich wieder und weiter mit produktiven Diskussionen.

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden