Festspielhaus Hellerau

Mai-Juli 2015 – We love you Dresden!

Dieter Jaenicke

Freitag der 13. März – Gintersdorfer /Klaßen mit Not Punk, Pololo im Festspielhaus.

Ein ganz normales Gastspiel auf Tour zwischen Hamburg, Berlin und Dresden. Und doch so etwas wie ein markanter Kulminationspunkt einer neuen Phase im Europäischen Zentrum der Künste in HELLERAU. Die Company bestehend aus Tänzern und Musikern von der Elfenbeinküste, deutschen Schauspielern und Punk-Musikern, streitet sich noch im Zug heftig darüber, warum sie denn in Dresden spielen müssen. Das sei doch viel zu gefährlich für die schwarzen Mitglieder der Company. Der Ruf Dresdens als Hauptstadt des Fremdenhasses in Deutschland ist inzwischen bis in die Metropolen Afrikas vorgedrungen. Im Stück texten sie die Angst ironisch überzogen in eine Liebeserklärung an Dresden um: „We love you Dresden!“

Was sich dann auf der Bühne tut, ist ein höchst experimentelles Performanceformat, wie man es in Dresden bislang noch nicht gesehen hat, und dieses findet – ebenfalls relativ neu für solche Formate – ein begeistertes Publikum. Nach fünf Jahren Aufbauarbeit in HELLERAU treten wir mit dem Europäischen Zentrum der Künste langsam in eine neue Phase. Wir haben inzwischen ein Stammpublikum und einen Stammplatz im kulturellen Angebot des Freistaates und der Landeshauptstadt. Aber kaum dass wir da angelangt sind, wollen wir es schon wieder ein bisschen anders machen. Jetzt können wir damit beginnen, das Festspielhaus noch stärker als Ort des Experiments, als Ort der internationalen Begegnung und der lokalen Produktion und Kunstentwicklung weiter zu profilieren. Und wir möchten unser Publikum einladen, uns auf dem Weg zu neuen Formen und unbekannten Formaten zu begleiten – das „Laboratorium der Moderne“ wieder entstehen zu lassen und den Anschluss an die größeren Metropolen in Deutschland zu schaffen.

Die abgedrehte Performance von Gintersdorfer/ Klaßen ist ein Schritt in diese Richtung und was sich auf der Party tut, in die das Stück am Ende nahtlos übergeht, ist ebenfalls Teil dessen, was wir in HELLERAU schaffen wollen: Mit lässiger Selbstverständlichkeit tanzen die Performer aus der Elfenbeinküste und dem Kongo zusammen mit den SAXONZ-Breakdancern aus Dresden, legt die Hamburger Punkikone Ted Gaier von der Kultband Die goldenen Zitronen Musik mit dem ivorischen Anti-Star DJ Skelly gemeinsam auf, tanzen Palucca- Studentinnen, Alt-Punker und ganz normales HELLERAU-Publikum im großen Festspielsaal. Ein Zuschauer kam während der Pause zu mir und sagte: „HELLERAU ist echt der coolste Ort in Dresden“ und eine Stadträtin (eine der wenigen, die regelmäßig zu uns kommt) war ziemlich erstaunt über die „sehr spezielle Mischung des Publikums“.

Abseits davon läuft noch einiges mehr: Während Eltern im Bürgerverein die Angst um ihre Kinder diskutieren, falls im Festspielhaus Flüchtlinge aus Afrika untergebracht werden, besuchen fast 100 Kinder aus der anliegenden Hellerauer Grundschule die Workshops des kongolesischen Tänzers und Rappers Michel Kiyombo, der kein bisschen anders aussieht als viele Flüchtlinge aus Afrika. We love you Dresden – in all deiner Widersprüchlichkeit.

Städte, die sich keine experimentellen Orte für neue künstlerische und kommunikative Erfahrungen leisten, an denen globaler Austausch und Innovation ermöglicht wird, werden sehr bald abgehängt und auf kulturellen Rest-Tourismus sitzen bleiben. In Dresden ist HELLERAU der Ort des kulturellen Experiments, des internationalen Austauschs und des lokalen künstlerischen Laboratoriums. Wenn demnächst das Kulturkraftwerk Mitte mit HELLERAU um diese Position konkurriert, umso besser! Konkurrenz belebt nicht nur das Geschäft, sondern hebt Qualität, Service und Diversität.

Durch die Einrichtung der Künstler-Residenzen in HELLERAU im letzten Sommer und den im Haushalt 2015/16 untergebrachten Mitteln für Bauplanung und Dachsicherung des Ostflügels sind die Weichen für die Zukunft HELLERAUs positiv gestellt. Mit dem Engagement für Flüchtlinge und der Planung eines interkulturellen Gartens auf unserem Gelände entwickeln wir urban ausgerichtete sozio-kulturelle Kompetenzen und ein soziales Profil, das schon jetzt bundesweit Beachtung findet. Dresden hat mit der „Rekultivierung des Festspielhauses Hellerau“ vor einigen Jahren eine zukunftsorientierte Entscheidung getroffen. Unser Ziel ist es, diese Entscheidung in eine erfahrbare Kunst- und Lebensrealität umzusetzen.

Eines der programmatischen Highlights der nächsten Monate wird das Internationale Tanzfestival Dresden sein, das HELLERAU gemeinsam mit der Semperoper und dem Staatsschauspiel veranstaltet. Im Fokus des Festivals stehen herausragende Produktionen des internationalen zeitgenössischen Tanzes. Bei uns in HELLERAU können Sie u.a. die Europapremiere des neusten Stücks der Batsheva Dance Company aus Israel sehen. Wir freuen uns auf Ihren nächsten Besuch!

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden