Festspielhaus Hellerau

März/April 2014 – Eine gewisse Ahnungslosigkeit

Dieter Jaenicke

Ende des letzten Jahres habe ich eine Dienstreise durch die süddeutsche Provinz gemacht. Was mir auffiel, war, dass sich selbst in urdeutschen Städten wie Heidelberg oder Kleinststädtchen wie Bietigheim oder Ludwigsburg an den Bahnhöfen und in den Innenstädten mit großer Selbstverständlichkeit Menschen verschiedener Hautfarben, Nationalitäten, Kulturen bewegen.

Kommt man in Dresden auf dem Bahnhof an, gibt es das nicht. Mit 4,2 Prozent Ausländeranteil in der Dresdner Bevölkerung rangiert die Landeshauptstadt des „weltoffenen“ (wenn man so was schon behaupten muss!) Freistaates Sachen weit unter dem Durchschnitt – in westdeutschen Großstädten liegt er bei 20 bis 30 Prozent. Dafür sind Ressentiments gegenüber Ausländern, gar Ausländerhass und der Anteil tendenziell extrem rechter Wählerschaft umso größer. Die Relation ist bekannt.

Die Bereicherung durch Menschen anderer Kulturen fehlt in Dresden eklatant, die Selbstverständlichkeit im Umgang mit Anderen fehlt, macht ärmer und begrenzt Blick und Erfahrung am eigenen Tellerrand, perpetuiert diese gewisse Ahnungslosigkeit über den Rest der Welt. Aber es gibt ein paar „andere Orte“ in Dresden: Wenn man in die Palucca- Schule oder die International School Dresden, in eines der Max-Planck- Institute oder ins El Cubanito kommt, ist das wie ein Auf- und Durchatmen: verschiedene Kulturen, Hautfarben, Sprachen… praktisch erlernbare Verständigung!

Auch HELLERAU ist mehr und mehr und wieder ein solcher Ort, was die Begegnung von Menschen und was das Programm angeht. Neben allen künstlerischen Aussagen und Werten ist das Wichtige an Projekten wie Dance Dialogues Africa, das wir gemeinsam mit dem tanzhaus nrw in Düsseldorf, Kampnagel Hamburg, der Bundeskulturstiftung und Partnern in einer ganzen Reihe von Ländern in Afrika ins Leben gerufen haben: die selbstverständliche Begegnung mit den Anderen, die selbstverständliche Begegnung mit Afrikanern.

Das gilt genauso für das Programm TAIWANtoday, das uns 2014 und 2015 kontinuierlich mit Künstlern aus diesem Teil der Welt begleiten wird. Die Selbstverständlichkeit lernen, dass Deutsch, Tschechisch, Englisch, Mandarin, Portugiesisch, Vietnamesisch und Kisuaheli an einem Ort gleichzeitig gesprochen werden – auch dafür steht HELLERAU, weltoffen eben und gegen allzu große Ahnungslosigkeit. Und unsere nächste große Koproduktion Rice von Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan produzieren wir zusammen mit Partnern in Taipeh, Hongkong, Singapur und London – Dresden goes big und weltoffen. Viel Spass!

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden