Festspielhaus Hellerau

Juli-Okt 2014 – Erst die Arbeit, dann das Spiel

Dieter Jaenicke

Das war einer dieser Merksätze deutsch-bürgerlich-protestantischer Ethik (genau: erst die Arbeit, dann das Vergnügen), mit denen mich meine Mutter traktierte, wenn ich mal wieder kicken gehen wollte, bevor ich meine Hausaufgaben gemacht hatte. Der Stadtrat Dresden hat vor über zehn Jahren die Sanierung des Festspielhauses mit der Formel „die Spielfähigkeit herstellen“ beschlossen. Das war in Zeiten kulturellen Dauersparens eine sehr mutige und zukunftsorientierte Entscheidung. Die Spielfähigkeit ist inzwischen längst hergestellt, wir spielen mit ca. 300 Veranstaltungen pro Jahr an der Oberkante des Möglichen. Etwas später wurde im Kulturentwicklungsplan der Stadt Dresden beschlossen, dass HELLERAU ein Ort des Experiments, der Kreation, der Produktion und nicht so sehr des Gastspiels sein soll. Auch das ist eine klare und zukunftsorientierte Programmatik.

Der Zeitablauf der Entscheidungen war eher etwas unkonventionell: erst das Spiel und dann die Arbeit! Ganz ausgeblendet wurde dabei, dass man zum Arbeiten, Kreieren, Produzieren, Probieren und Proben die entsprechenden Arbeitsbedingungen braucht: Probebühnen, Studios und Ateliers. Gibt’s aber nicht im Europäischen Zentrum der Künste. Ein Theater ohne Probebühnen ist wie ein Restaurant ohne Küche. Wenn man gut essen will, kann man die Speisen nicht beim Fast-Food-Kiosk holen, sondern muss sie vor Ort zubereiten.

Im Theater ist das nicht anders. Was aber, wenn keine Küche da ist? Wir hangeln uns von einem Provisorium zur nächsten Behelfslösung, aber vernünftig arbeiten können wir so nicht. Auch nicht ganz nachvollziehbar und eher außerhalb bürgerlich-protestantischer Vernunftregeln ist es, eine nächste Sache anzufangen, aber die erste nicht zu beenden. In Dresden werden große Kulturinvestitionen gemacht, was gut und richtig ist, aber HELLERAU wird und wird nicht fertig. Dabei würde der notwendige Investitionsanteil seitens der Stadt gerade mal 0,18 Prozent des Haushalts der Landeshauptstadt Dresden ausmachen.

Immerhin: Im Sommer werden die ersten zehn Apartments für Künstler in Residenz und ein neues Besucherzentrum in HELLERAU eingeweiht. Während des Festivals Young European Choreographers im September können Sie sich anschauen, wie die Künstler in HELLERAU künftig so leben werden, können mal reinschnuppern und Probeliegen (Musik im Liegen gibt es ja schon bei uns). Also, jetzt können wir schon spielen und leben und liegen in HELLERAU, irgendwann wird’s dann sicher auch was mit dem Arbeiten. Viel Spaß in der neuen Spielzeit wünscht

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden