Festspielhaus Hellerau

Aug-Okt 2016 – Europa

Dieter Jaenicke

Was macht ein Europäisches Zentrum in Zeiten wie diesen, die alles andere als gut für Europa sind und Europa selber alles andere als gut aussehen lassen?

Als Antwort auf den Brexit, für den sich wenige Tage vor dem Schreiben dieser Zeilen eine Mehrheit in Großbritannien entschieden hat, laden wir erst einmal einen Künstler aus Großbritannien ein, noch dazu einen mit Ursprung in Bangladesch: Akram Khan, Brite, Migrantenkind, erfolgreichster Choreograf der Insel und inzwischen weltweit bekannt, studierte den indischen Kathak-Tanz seiner Vorfahren schon als Kind (und wäre damit nach neuesten deutschen Migrationsgesetzen hierzulande schon mal durchgefallen, weil er sich ja bitte sehr primär mit der Kultur seines neuen Gastlandes auseinandersetzen soll). In seinem Stück Kaash, das wir zum zehnjährigen Jubiläum der Wiedereröffnung des Festspielhauses zeigen, arbeitet Akram Khan mit Anish Kapoor zusammen, ebenfalls Brite, in Indien geboren und als Star der internationalen Kunstszene möglicherweise noch bekannter als Akram Khan. Der andere derzeit mega-erfolgreiche britische Choreograf ist Hofesh Shechter, kommt ursprünglich aus Israel, man könnte das jetzt fortsetzen: Salman Rushdie, V.S. Naipaul usw. – was wäre die britische Kulturszene ohne ihre Migranten?

Damit ist die Frage, was denn nun ein Europäisches Zentrum in diesen für Europa so miesen Zeiten macht, aber nicht beantwortet. Wer sich mit Europa befassen will, muss sich mit der Welt befassen. Europa hat sich lange als Zentrum der Welt begriffen (und tut es vielfach ja immer noch); sein Reichtum, seine Entwicklung stehen aber in engem Zusammenhang mit Armut und Rückständigkeit in anderen Teilen der Welt, mit den Folgen seiner Kriege und Kolonialisierungen. Migrationsbewegungen hängen damit zusammen. Der Wunsch, das Streben nach einem besseren Leben für sich selbst und seine Angehörigen ist eine der stärksten Triebfedern jeder menschlichen Entwicklung. Dieses Streben ist ein Menschenrecht, fast möchte man sagen: eine Menschenpflicht, die auch tief in der christlich-abendländischen (um diesen inzwischen so gnaden- und gedankenlos missbrauchten Begriff zu zitieren) Identität verwurzelt ist und besonders von der protestantischen zum Dogma überhöht wurde. Wir leben in einer Welt, wir haben an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt Zugang zu fast jeder Information und sind darauf angewiesen auf diesem Planeten miteinander auszukommen. Und da wollen wir in Europa lieber unter uns bleiben? Wie soll das gehen?

Natürlich ist diese Beschreibung stark vereinfachend und weit entfernt von konkreten Lösungsvorschlägen. Sie zeigt aber, dass ein Europäisches Zentrum, das sich selbst und seinen Anspruch ernst nimmt, natürlich global denken und im Rahmen seiner Möglichkeiten agieren muss. Wir in HELLERAU arbeiten in den nächsten zwei Jahren an Projekten über Armut, Migration und Rassismus, an Utopien und utopischen Lebens- und Gesellschaftsentwürfen (auch an denen, die in HELLERAU vor 100 Jahren entstanden), am Verhältnis von Kunst und Religionen, wir setzen uns künstlerisch mit der arabischen Welt auseinander. Keines dieser Themen lässt sich auch nur annährend erfassen, wollte man sich auf Europa zurückziehen. Es ist nicht Aufgabe von Künstlern, politische Lösungsvorschläge zu den aktuellen Fluchtbewegungen auf der Welt zu liefern; aber Künstler sind diejenigen, die die Finger in die Wunden legen, die noch im Bunker gemeinsam an einem Theaterstück von befreundeten Künstlern verfeindeter Länder arbeiten, die mit Blogs und Büchern den notwendigen Schritt weiter gehen. Sie sind diejenigen, die selbst als letzte nicht gehen und die das Licht anlassen. Deshalb ist ein Europäisches Zentrum der Künste ein Zentrum für globale Verbindungen, ein Ort, wo man den Mund aufmacht und gerne auch mal zu voll nimmt, wo Widerstand und Kunst sich treffen können, sich artikulieren können und keinem Politiker gefallen müssen.

In diesem Sinne wünschen wir eine aufregende Spielzeit 2016/17. Wie immer laden wir Sie mit aller Gastfreundlichkeit und Offenheit nach HELLERAU ein.

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden