Festspielhaus Hellerau

März/April 2017 – Imagine all the people...

Dieter Jaenicke

Dieses Editorial ist bei Lokalpolitikern nicht immer beliebt. Aber bei Politik und Verwaltung beliebt zu sein ist auch nicht die vorrangige Aufgabe eines zeitgenössischen Kunstzentrums. Dass wir uns nun bei Oberbürgermeister Dirk Hilbert bedanken, ist keine 180°-Wende im Europäischen Zentrum der Künste, sondern ein Ausdruck ehrlichen Respekts. Anfang Februar wurde vor der Frauenkirche das beeindruckende Mahnmal Monument des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Halbouni eingeweiht. An keinem anderen Ort in Dresden ist dieses Kunst-Mahn-Werk gegen Krieg und Zerstörung so sinnvoll wie vor der Frauenkirche, die selbst zum Symbol der Zerstörung durch den Krieg wurde. Über Jahrzehnte wies die Ruine der Frauenkirche in ihrem Schutt eindrücklich auf die Zerstörung durch Bomben und Krieg hin und selbst heute in ihrer wieder erbauten Form bleibt sie ein Mahnmal gegen Zerstörung und für Frieden. Wie leider kaum anders zu erwarten in dieser Stadt gab es lautstarke Proteste von Seiten derer, die ihren Hass gegen alles und jedes richten, was für Demokratie, Mitgefühl, Liberalität, Offenheit und (wir befinden uns vor einer Kirche!) Nächstenliebe steht und dafür zynischerweise auch noch die Tradition des christlichen Abendlandes bemühen. Aber anders, als wir es allzu oft von Politikern in dieser Stadt und diesem Land erlebt haben, hat sich der Oberbürgermeister nicht weggeduckt, sondern klar und unmissverständlich Hass, Ignoranz und Ungerechtigkeit als das benannt, was sie sind. Die Dresdner Intendanten haben sich spontan in einer Solidaritätserklärung an die Öffentlichkeit gewandt, um der Hetze der Gefährder von Rechts gegen den OB entgegenzutreten. Ausdrücklich möchten wir uns auch bei all jenen Initiativen in der Stadt bedanken, die sich schon seit Jahren rechten Aufmärschen nicht nur rund um den 13. Februar entgegenstellen.

Kurze Zeit danach, am 17.02. haben wir in HELLERAU das Festival Mashreq to Maghreb begonnen, das sich der zeitgenössischen Kunst in der arabischen Welt widmet. Kein ganz unriskantes Unterfangen in einer Stadt wie Dresden. Gibt es dafür Publikum, wer ist hier bereit sich damit auseinander zu setzen? Zu unserem eigenen Erstaunen waren alle Veranstaltungen, die bis zum Redaktionsschluss der Programmvorschau in diesem Festival statt gefunden hatten, ausverkauft. Bei Lena Chamamyan, einer Ikone der syrischen und kurdischen Musik, mussten wir die Festspielhaus-Bestuhlung völlig umbauen, um auf 700 Plätze hochgehen zu können und trotzdem noch ein zweites Konzert am Sonntag anbieten, weil die enorme Nachfrage immer weiter anhielt. Chamamyans Version von John Lennons Imagine war ein ganz besonderer Gänsehaut-Moment. Imagine: In Dresden treffen sich über 1000 Menschen, Syrer, Kurden, Armenier und Muslime aus den angrenzenden Ländern, Geflüchtete und Menschen, die schon lange hier leben, zu einem Konzert, um in beeindruckend freundlicher und friedlicher Art für zwei Stunden so etwas wie Heimat im Exil zu zelebrieren. Sie kommen aus Dresden, aus Sachsen und aus der gesamten Bundesrepublik um am dafür unwahrscheinlichsten Ort in ganz Deutschland, nämlich in Dresden, gemeinsam ein Fest zu feiern.

Wir sind stolz, dass dieser Ort HELLERAU ist. Oder: „Wo denn sonst?“, wie ein Zuschauer sagte. Da war eine Vielsprachigkeit und eine Hochstimmung, wie wir sie selten hatten, obwohl das in HELLERAU ja längst Alltag ist. Und für uns eine Bestätigung, dass zweieinhalb Jahre engagierter, manchmal mühseliger Arbeit im Golgi Park, mit dem Refugee Art Center, bei #WOD und allen unseren anderen Aktivitäten inzwischen eine so überwältigende Resonanz finden. Bleiben Sie weiter neugierig und immer willkommen in HELLERAU!

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden