Festspielhaus Hellerau

Dieter Jaenicke zu William Forsythe

Zur aktuellen Berichterstattung über William Forsythe, die kritisiert, dass der Choreograf aus gesundheitlichen Gründen die Leitung der Forsythe Company abgegeben, nun aber eine Professur an einer kalifornischen Universität angenommen hat, erklärt Dieter Jaenicke, Künstlerischer Leiter von HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden:

"Es ist schon erstaunlich, wie Falschmeldungen, obwohl x-fach widerlegt, immer weiter kolportiert werden, deshalb noch einmal: Die Forsythe Company wird aus Mitteln des Hauptstadtkulturvertrages finanziert, die die Stadt Dresden – mit oder ohne Forsythe Company – an den Freistaat Sachsen bezahlen muss. Und wie man auf 780 € Subvention pro Theatersitz bei der Forsythe Company kommt, hat mir auch noch keiner vorgerechnet.

William Forsythe hat sich aus gesundheitlichen Gründen von der Leitung seiner Company zurückgezogen. Ich habe ihn letztes Jahr selbst zweimal besucht und war erschüttert über seine physische Verfassung. An seiner Erkrankung kann es keinen Zweifel geben, gibt es aus medizinischer Sicht auch nicht. Letztendlich ist Forsythe schweren Herzens den dringenden Empfehlungen seiner Ärzte gefolgt und hat die Dauerbelastung als künstlerischer Leiter der Company abgegeben. Das ist ihm alles andere als leicht gefallen, diese Company repräsentiert wie nichts anderes sein Lebenswerk. Es spricht für das Verantwortungsbewusstsein von Forsythe, dass er alles tat, um die Existenz der Company und die Erfüllung vertraglicher Verpflichtungen seinen Partnern gegenüber – also auch HELLERAU, Dresden und Sachsen – unter neuen Bedingungen zu sichern.

Wir kennen viele Geschichten schwer kranker Menschen, die bis zum letzten Tag ihrer Krankheit kämpfen, Verantwortung übernehmen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten arbeiten, Bücher schreiben, sich um andere Menschen kümmern. Üblicherweise sind wir von solchen Geschichten tief und positiv berührt. Forsythe ist auf dem Weg der Besserung und wer diesen Mann nur ein bisschen kennt, weiß, dass er nicht der Typ ist, der sich auf die Bettkante setzt und sein Schicksal bedauert, sondern immer aktiv sein Leben und seine künstlerische Vision gestalten wird – im Rahmen des physisch und gesundheitlich Möglichen.

Es ist ein riesiger Unterschied, ob man eine Company von Weltruf leitet, in Dresden und Frankfurt an die 70 Aufführungen im Jahr absolviert, vier bis sechs Choreografien pro Jahr wiederaufnimmt, jedes Jahr eine neue Choreografie erarbeitet, weltweit Gastspiele wahrnimmt, also eine weit-über-fulltime-Position ausfüllt oder eine 6-wöchige (übers Jahr verteilt) Professur annimmt. Journalistisch gesehen entspricht das in etwa dem Verhältnis zwischen der Chefredaktion einer Zeitung und gelegentlichen Artikeln als nebenberuflicher Autor.

Selbstverständlich wird Forsythe seine Beratungstätigkeit für die Company in Dresden und Frankfurt ernst nehmen, so, wie er das ja schon tut, und selbstverständlich wird er im Rahmen seiner gesundheitlichen Möglichkeiten gelegentliche Tätigkeiten an anderen Häusern wahrnehmen. Niemand ist hier hinters Licht geführt oder getäuscht worden.

Was man leider zugeben muss, ist, dass die Veröffentlichungen der Forsythe Company zu spät kamen, vielleicht nicht gerade eine kommunikative Meisterleistung waren und dadurch Raum für Spekulationen gaben. Das wird jetzt repariert. Für Zweifel an der Integrität von William Forsythe, seiner Company und seinem Management gibt es keinerlei Grund. Und Jacopo Godani als neuem künstlerischem Leiter der Company sollten wir den Raum und die Chance geben, die er braucht und verdient."

Europäisches Zentrum der Künste Dresden