Festspielhaus Hellerau

HELLERAUER WELTERBE-INITIATIVE betreibt die Bewerbung kontinuierlich

Vor einem reichlichen Jahr, am 26. Juni 2012, nahm die Hellerauer Welterbebewerbung ihre erste große Hürde. Der Freistaat wählte Hellerau als die aussichtsreichste sächsische Stätte für die deutsche Tentativliste aus, die spätestens ab 2016 neu zusammengestellt werden muss.
Nun ist die deutsche Kultusministerkonferenz am Zuge. Eine von ihr ins Leben gerufene Expertenkommission überprüft bis Ende des Jahres alle 31 Kandidaten, die von den 16 Bundesländern benannt wurden. Erfahrungsgemäß reduziert die Kultusministerkonferenz die Zahl der Länderkandidaten etwa um die Hälfte. Anfang 2014 soll dann die endgültige Entscheidung bekannt gegeben werden, welche Bewerber auf die Tentativliste kommen und damit die Chance erhalten, ihre Dossiers bei der UNESCO einzureichen. Da Deutschland ein bis zwei Welterbe-Bewerbungen pro Jahr in Paris vorschlagen darf, kann es ab 2016 bis zu zehn Jahre dauern, bis alle Kandidaten zum Zuge gekommen sind.

Trotz dieser hohen Anforderungen sind die Hellerauer Welterbeaktivisten optimistisch, die Expertenkommission der Kulturministerkonferenz von den Qualitäten Helleraus überzeugen zu können. Der Termin für den Besuch einer Arbeitsgruppe der Expertenkommission in Hellerau steht noch nicht fest. Diesem sieht der Förderverein Weltkulturerbe Hellerau e.V. gelassen entgegen. „Wir freuen uns darauf, der Kommission unseren einmaligen Ort zu präsentieren“, so Fritz Straub, Sprecher des Fördervereins und Geschäftsführender Gesellschafter der Deutsche Werkstätten Hellerau GmbH.
Unabhängig von dem Besuchstermin treibt der Förderverein um Fritz Straub, Dieter Jaenicke (Künstlerischer Leiter von HELLERAU - Europäisches Zentrum der Künste Dresden) und Carola Klotz vom Bürgerverein Hellerau die Bewerbung kontinuierlich voran. Federführend dabei ist das Institut für Heritage Management (IHM) unter Leitung von Dr. Britta Rudolff aus Cottbus. Ihr Team arbeitet eng mit dem Verein und den involvierten Ämtern der Stadt Dresden und des Freistaates Sachsen zusammen.
Die ersten Schritte sind mittlerweile getan. Unabdingbar war das Sichten und Sammeln der vielfältigen Planmaterialien. Diese Aufgabe wurde von den entsprechenden kommunalen Ämtern sehr konstruktiv unterstützt. Die Pläne dienen unter anderem als Grundlage für die Festlegung der Kern- und Pufferzone. Die Kernzone definiert das Gebiet, das später tatsächlich unter UNESCO-Schutz steht. Die Pufferzone ist eine Art Schutzschild, das sich um die Kernzone legt.
Des Weiteren haben Förderverein und IHM Arbeitsgruppen gebildet, die sich einzelnen Aspekten der Bewerbung widmen. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich beispielsweise mit den Möglichkeiten der Einbeziehung der Hellerauer Bevölkerung, deren Identifikation für einen erfolgreichen Antrag unerlässlich ist. Die Signale dafür sind positiv. So wurden die Anwohner diverser Straßenzüge im Mai gebeten, ihre Autos für Fotoaufnahmen anderweitig zu parken und folgten dieser Bitte ohne Umschweife. Parallel zu diesen Aktivitäten haben der Verein, das IHM und die TU Dresden den Startschuss für die Entwicklung eines zukünftigen Verkehrskonzeptes für Hellerau gegeben – ein wichtiger Punkt des zu erarbeitenden Managementplans.

Der gesamte Bewerbungsprozess, dessen umfangreichster Punkt die Erstellung des Bewerbungsdossiers ist, wird voraussichtlich rund 250.000 Euro kosten. Diese Summe muss der Förderverein über Spenden aufbringen. Kleinere und größere Beträge dürfen gerne überwiesen werden an:

Förderverein Weltkulturerbe Hellerau e.V. Ostsächsische Sparkasse BLZ 85050300 Kontonummer 22 10 30 700

HELLERAUER WEG ZUM WELTERBE-TITEL

Es war eine kurze, aber heftige Blütephase, die der Ort Hellerau und seine Protagonisten zwischen 1909 und 1914 erlebten. Hellerau verkörperte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Innovation, Provokation und das Infragestellen bestehender Normen. Es avancierte innerhalb kürzester Zeit zum Zentrum der künstlerischen Avantgarde Europas – eingebettet in ein einmaliges architektonisches Ambiente. Dieses Erbe ihrer Vorfahren will eine Interessengemeinschaft aus Hellerau schützen, ehren – und international bekannt machen. Sie schickt daher den Dresdner Stadtteil ins Rennen um einen Platz auf der deutschen Tentativliste der UNESCO Welterbekonvention. Ziel ist die Ernennung Helleraus als Weltkulturerbestätte.

Als „Laboratorium einer neuen Menschheit“ bezeichnete der französische Schriftsteller und Diplomat Paul Claudel das junge Hellerau nach einem Besuch im Jahr 1912. Auf den Leitideen der Lebensreformbewegung basierend, wurde die Siedlung zwischen 1909 und 1914 nördlich von Dresden erbaut. Ihre Formensprache, geprägt von den Architekten Richard Riemerschmid, Heinrich Tessenow, Hermann Muthesius, Kurt Frick und Theodor Fischer, stellte einen Aufbruch in den Funktionalismus und die Neue Sachlichkeit dar. Helleraus „Tempel der Kunst", das Festspielhaus, schrieb internationale Theatergeschichte als erster bühnenloser, offener Theaterbau der Moderne, der zum Synonym für modernen Ausdruckstanz avancierte und dessen Innenraum von Adolphe Appia und Alexander von Salzmann geprägt wurde. Aus den Deutschen Werkstätten, deren Gründer Karl Schmidt gleichzeitig die treibende Kraft bei der Verwirklichung der Gartenstadt-Idee war, kamen ab der Jahrhundertwende moderne, sachliche Möbel, die schnell einen neuen Einrichtungsstil in Deutschland prägten.

Schritte 2011/2012

Der Besuch des von Walther Gropius 1911 entworfenen Industriebaus der Fagus-Werke in Alfeld, Niedersachsen, zu Beginn des Jahres 2011 (die Fagus-Werke wurden im Juni 2011 zur Welterbestätte ernannt) gab den Ausschlag: Fritz Straub, Geschäftsführender Gesellschafter der Deutsche Werkstätten Hellerau GmbH, ahnte, dass auch Hellerau das Zeug zum Welterbe haben könnte. Die fachkundige Bestätigung erfolgte durch Dr. Britta Rudolff, die am Lehrstuhl „World Heritage Studies" der BTU Cottbus lehrt. Ermutigt durch diese Einschätzung begann Fritz Straub, Mitstreiter in Hellerau zu suchen und in Dresden für das Anliegen zu werben. Hier war Fingerspitzengefühl gefragt, da das Thema nach dem Verlust des Welterbetitels für das Elbtal 2009 einer besonderen Beachtung und auch Skepsis unterliegt.
Die Hellerauer Bewerbung versteht sich jedoch komplett losgelöst von der Dresdner Welterbe-Historie und verantwortet den Antrag selbständig. Die Stadt begleitet das Vorhaben wohlwollend und begrüßt die zivilgesellschaftliche Initiative. Sehr viel rascher als zunächst gedacht, entwickelte sich der Bewerbungsprozess. Da die seit 1998 gültige deutsche Tentativliste 2015 abgearbeitet ist, mussten die Bundesländer 2012 neue Vorschläge zusammentragen. In Sachsen war dafür das Sächsische Staatsministerium des Innern (SMI) zuständig, das eine Expertenkommission zusammenstellte. Die Hellerauer Interessengemeinschaft beauftragte Dr. Britta Rudolff mit der Erstellung des sechsseitigen Bewerbungsdossiers. Dies geschah in enger Abstimmung mit Hellerauer Bürgern und den relevanten Abteilungen in Stadt und Land. Im Juni 2012 wählte der Freistaat Sachsen die Hellerauer Bewerbung aus zehn sächsischen Kandidaten als die aussichtsreichste aus.

Nach dieser ersten Hürde wurde aus der Interessengemeinschaft heraus der Förderverein Weltkulturerbe Heller e.V. gegründet. Den Vorstand bilden Fritz Straub, Dieter Jaenicke, Künstlerischer Leiter von HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden, und Carola Klotz vom Verein Bürgerschaft Hellerau. Seit seiner Gründung hat der Verein 40 Mitglieder gewonnen. Der Verein beauftragte das Institut für Heritage Managament (IHM) unter Leitung von Dr. Britta Rudolff mit der Erarbeitung des ca. 250 Seiten starken Nominierungsdossiers.

Schritte 2013 bis 2015

Im ersten Halbjahr 2013 trat die Expertenkommission der Kultusministerkonferenz das erste Mal zusammen. Mehrere kleine Arbeitsgruppen dieser Kommission werden in den kommenden Monaten die 31 aus den Bundesländern gemeldeten Stätten besuchen. Im vierten Quartal kommt die gesamte Kommission wieder zusammen, berät sich und trifft Anfang 2014 die Entscheidung, welche Kandidaten es tatsächlich auf die Tentativliste schaffen. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass etwa die Hälfte der Kandidaten diese Hürde nimmt. Der frühestmögliche Zeitpunkt der Einreichung bei der UNESCO in Paris wäre das Jahr 2015. Die Reihenfolge wird jedoch von der Kultusministerkonferenz festgelegt.
Das IHM arbeitet im Auftrag des Fördervereins Weltkulturerbe Hellerau e.V. bereits an der Bewerbung. Die Ämter der Stadt Dresden, die dafür u.a. Planmaterialien zur Verfügung stellen, zeigen sich sehr kooperativ. Auch die Hellerauer Bürger unterstützen die Bewerbung aktiv. Bürgerversammlungen finden halbjährlich statt, dienen der Information und Diskussion und sind gut besucht.

Europäisches Zentrum der Künste Dresden