Festspielhaus Hellerau

Bruno Beltrão im Gespräch mit Dieter Jaenicke

Im Anschluss an die Vorstellung von Bruno Beltrãos Choreografie CRACKz am Sonntag, den 23. Juni, findet ein Gespräch zwischen dem brasilianischen Choreografen und Dieter Jaenicke, Künstlerischer Leiter von HELLERAU, statt. Neben den Fragen zur Vorstellung wird es dabei auch Gelegenheit zu Fragen nach der aktuellen Situation in Brasilien geben. Bruno Beltrão, der mit seiner Company Grupo de Rua ("Straßengruppe") geradezu wortwörtlich die Sprache der Straße auf die Bühne geholt hat, und Dieter Jaenicke, der lange selbst in Brasilien gelebt hat, sind dafür interessante Gesprächspartner.

Dieter Jaenicke beschreibt seine Gedanken zu den Ereignissen der vergangenen Tage in Brasilien so:

"Gestern Nacht lieferten sich Demonstranten und Polizisten in den Straßen von Niteroi, der Nachbarstadt von Rio de Janeiro, heftige Gefechte. Übermorgen wird Bruno Beltrão mit seiner Grupo de Rua, zu deutsch der „Straßengruppe“, aus Niteroi das Festival Street Cultures@Hellerau eröffnen. Heute Nacht wird in Rio de Janeiro, wo ich selbst über sechs Jahre gelebt und gearbeitet habe, die größte Demonstration in Brasilien der letzten 20 Jahre erwartet. Meine ganze brasilianische Familie ist mit auf der Straße und ich habe Angst um sie. Ich habe zu lange in Brasilien gelebt und in zu vielen Situationen Reaktionsmuster und Selbstverständnis der gewalttätigen Polizei Brasiliens erlebt.
Die Staatsmacht Brasiliens reiht sich ein in die jüngste Geschichte monströs überzogener Macht-Reaktionen gegen berechtigte Proteste der Zivilgesellschaft: Iran, China, Tunesien, Ägypten, Libyen, Türkei – und nun Brasilien, formal eine Demokratie wie die Türkei, real ein ebenso autoritäres Regime wie die Türkei, korrupt und dekadent bis in die letzten Verästelungen seines Regimes, aber getragen von einem unbändigen, alle vereinenden positiven, sympathischen, vielleicht naiven, irgendwo anachronistischen Nationalbewusstsein.
Brasilien: das Boomland, inzwischen stolz die Nummer 8 im Ranking der ökonomisch stärksten Staaten, das die Hälfte seiner Bevölkerung von jeglichem Wirtschschaftswachstums-Boom kategorisch ausschließt, einer der weltweit exzessivsten Scheren zwischen Arm und Reich, mit einem der jämmerlichsten Bildungs- und Gesundheitssysteme der sogenannten westlichen Welt und einem an Perversion grenzenden Reichtum eines kleinen Teils der erfolgreichen Mittelschicht und Elite. Selbst große Teile der Mittelschicht in Brasilien können bei der Preisexplosion in den Lebenshaltungskosten des von jeder Güter-Globalisierung hermetisch abgeschirmten brasilianischen Wirtschaftssystems nicht mehr mithalten, flüchten im Jahresrhythmus von einer kleineren Wohnung in die nächste noch kleinere, von einer Einschränkung in die nächste, noch schlimmere und stürzen dabei die von ihnen abhängigen Familien ihrer irgendwann entlassenen Hausangestellten in noch größere Katastrophen.
Wer will da nicht verstehen, dass die Menschen fragen, was die immensen Ausgaben für Fußballweltmeisterschaft und Olympische Spiele denn sollen, wenn man seinem eigenen Volk nicht die mindesten Ansprüche in einem ökonomisch reichen und formal demokratischem System zugesteht. Und die brasilianische Präsidentin Djilma Rouseff, eine unglaublich mutige und extrem radikale Widerstandskämpferin gegen die Militär-Diktatur, droht bei einem nur allzu verständlichen und relativ kleinen Protest der Zivilgesellschaft gleich mit dem Militär! Die moralische Degeneration der Macht und die darin oft begründete unfassbare Dummheit aus Realitätsferne lassen sich in Brasilien genauso beobachten wie im Iran, in Ägypten, in China und der Türkei.
Brasilien ist meine zweite Heimat, es tut weh, dies alles zu sehen und erfüllt mich mit tiefer Scham für dieses Land, das ich sehr liebe. Es macht mich stolz auf meine Tochter, die für (nicht gegen!) ihr Land auf die Straße geht und um die ich in diesen Tagen Angst haben muss. Hat das alles irgendwas mit „street cultures“ zu tun? Selbstverständlich! Street cultures sind in ihrem Ursprung widerständige, widerspenstige, subkulturelle Ausdrucksformen von sogenannten Minderheiten und Ausgegrenzten und sind es in Teilen bis heute noch. Sie entstanden in den Ghettos und Banlieues, den Migranten-Vierteln und U-Bahn-Plateaus der großen Metrolpolen: zu kreativ, zu künstlerisch phantasievoll und hemmungslos selbstinszenierend, zu intelligent, trickreich und schnell, um sie dem Subproletariat in die Schuhe schieben zu dürfen.
Ausdrucksform eines sich sonst nicht artikulierenden jugendlich kompromisslosen Teils der Gesellschaft in urbaner Abschiebehaft. Hip-Hop-Cybers an den Endstationen der Pariser Metro fraternisieren mit den Kampftänzen der Capoeira-Kreise afrikanischer Sklaven im Brasilien des 19. Jahrhunderts - die offensichtliche Nähe von street cultures und Occupy-Bewegung, die immer kreativeren Protestformen rings um die Welt, die gemeinsamen Reihen von Schwulen und Schwarzen und Künstlern, von Arbeitslosen und Zukurzgekommenen, Graffitis und twitter-messages, facebook-posts und i-phone-Fotos von Demos in Rio de Janeiro, Gebetsrufe von den Dächern Teherans als verschlüsselter Aufruf zum Protest, die letzte Zuflucht in schweigend versteinertem menschlichen Protest in Istanbul, die einen zu Tränen rühren kann...
Seit den 60er Jahren des letzen Jahrhunderts haben sich Protestformen und Nicht-Einverstanden-Sein mit dem gesellschaftlichen Mainstream und autoritär verordneten Denkmustern immer neue, kreativere, immer abgefahrenere und klügere Formen gewählt. Street cultures sind ein ganz wesentlicher Teil davon. Natürlich wurden die street cultures wie alle anderen subkulturellen Ausdrucksformen kommerzialisiert, für Sozialarbeit, kulturelle Bildung, Integrations-Strategien und Kunstauktionen instrumentalisiert und missbraucht. Natürlich flankieren sie heute in den Einkaufsstraßen und Fußgängerzonen als akrobatische Minuten-Unterbrechung das Konsumgeschäft. Natürlich (oder auch wider-natürlich) müssen wir in HELLERAU eine vor sich hin verfallende Ruine auf dem Gelände mit einer großen (teuren!) Holzwand verkleiden, damit Horfee darauf seine Graffiti-Kunst sprühen kann (vermutlich ist diese Holzwand die mit Abstand größte Investition der Stadt Dresden in den Schutz der Ruine in den letzen Jahren gewesen). Es gehört zu den street arts, dass sie auch noch unfreiwillig Absurditäten vor Augen führt.
Wir widmen diesen Kunstformen und damit auch diesen Protestformen in HELLERAU ein ganzes Festival und scheuen uns auch nicht zu sagen, dass dies selbstverständlich eine wie auch immer künstlerisch verbrämte oder erhöhte oder sublimierte Sympathie-Erklärung für die Notwendigkeit zivilen Ungehorsams in besonderen gesellschaftlichen Situationen ist. Um netten HipHop als funky Jugendkultur und populäre Konsum-Unterhaltung geht es uns jedenfalls nicht.
Es ist immerhin - schon oder erst? - 20 Jahre her, dass hier mit Protest und Kreativität ein ganzes System friedlich zu Fall gebracht wurde."

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden