Festspielhaus Hellerau

Preisträger des 8. Festivals Politik im Freien Theater ausgezeichnet

Das Festival „Fremd - 8. Festival Politik im Freien Theater“ ist am 6. November erfolgreich zuende gegangen. Insgesamt haben mehr als 10.000 Zuschauer die Theaterproduktionen und das umfangreiche Rahmen- und Schulprogramm besucht. An elf Tagen waren 16 Freie Theaterproduktionen aus dem In- und Ausland in HELLERAU - Europäisches Zentrum der Künste und im Staatsschauspiel Dresden zu sehen, außerdem am Flughafen, am Hauptbahnhof und im Japanischen Palais.

Zum Abschluss des Festivals wurden am Samstagabend im Kleinen Haus zwei Preise verliehen. Der Preis der bpb in Höhe von 15.000 Euro ging an den ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó und seine Inszenierung „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“. Das Preisgeld wird als Zuschuss für eine Gastspieltournee in Deutschland vergeben. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis des Goethe-Instituts unterstützt die internationale Gastspielreise einer deutschsprachigen Produktion. In diesem Jahr ging er an Chris Kondek und Christiane Kühl für ihr Stück „Money - It Came From Outer Space“.

Die Preise wurden von einer unabhängigen Jury vergeben, die alle Produktionen im Laufe des Festivals gesichtet hat. Der Jury gehörten die Regisseurin und Sängerin Annette Jahns, die Verlegerin, Herausgeberin und Autorin Gabriela Massuh und der Dramaturg und Kurator Matthias Pees an.

Die Begründung der Jury:

„Die Jury vergibt die beiden Preise des diesjährigen Festivals ‚Politik im Freien Theater’ an zwei Produktionen, die sich gesellschaftlicher, sozialer und politischer Realität nicht nur thematisch widmen, sondern zugleich auf die Komplexität der Wahrnehmbarkeit solcher Realität hinweisen, auf ihre immer auch mögliche Nicht-Authentizität. Dies gelingt ihnen, indem sie unter Verzicht auf Konsensfähigkeit und emotionale Identifikation diese in beiden Fällen extrem genau recherchierte Realität mit außergewöhnlichen ästhetischen Mitteln radikal, überraschend und verstörend unterhaltsam in Frage stellen - und im Moment der Aufführung in eine andere, direkte und entgrenzte Wirklichkeit und Präsenz des Theaters zu transformieren suchen.

So ist ‚Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein’ nicht nur ein gut recherchiertes Reality-Roadmovie über ost-westeuropäischen Mädchenhandel und brutalste Gewalt, sondern zugleich ein mit Hilfe von Live-Video, Musik und mobiler Bühne unternommenes Zuschauerexperiment in Sachen Wahrnehmung und Haltung, ein unangenehmes Wechselbad aus Beobachtung und Anteilnahme, Kälte und Mitgefühl, Abscheu und Faszination. Nicht nur vermischen sich in Kornél Mundruczós Aufführung abstruse Fiktion und grauenvolle Fakten, sondern es stellt sich auch die Frage nach Menschlichkeit, Freiheit und Sklaverei, Verkörperung und Darstellung, Abstraktion und Realismus aus ganz neuer, verblüffender und verstörender Perspektive. Im Kontext eines Science Fiction, mit dem Blick aus einer ‚anderen Welt’ und unter dem Feigenblatt einer persönlichen Rache, die in den Wahnsinn führt, laufen, wie bei Kohlhaas von Kleist, Vorgänge und Betrachtungsweisen gleichermaßen aus dem Ruder.

In ähnlichem Sinne ist ‚Money - It Came From Outer Space’ nicht nur ‚ein Abend über das Geld’ (wie sich das Stück bei der Premiere 2010 selbst definierte), sondern entwirft unter dem Vorwand der Science-Fictionalisierung und des Formats einer Lecture-Performance eine erstaunlich präzise Biografie der aktuellen Finanzkrise - so anschaulich, dramatisch effektiv und sachlich nüchtern, wie man sie in den Medienberichten, in Aussagen von Experten oder Statements der Politik kaum findet. In wenig mehr als einer Stunde gelingt es dem Autorenduo Kondek/Kühl, die Irrationalität und das Chaos des Marktes so inspiriert auszumalen, dass es endlich allgemein verständlich wird. Die geschickte Mischung von Interviews, Filmszenen und simuliertem Vortrag verbirgt hinter ihrem trashig-komischen Spiel eine erschreckende Aussage: Die Menschen wollen das Monster bekämpfen, aber sie geben ihm genau das, wonach es dürstet. Mehr Wachstumsbeschleunigungsgesetze und weniger Demokratie für eine Welt, die sich in zunehmendem Tempo in ein fremdes Geschöpf, in ein Alien verwandelt."
Das Festival ist eine Kooperation von Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Staatsschauspiel Dresden und Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste.

Thomas Krüger, Präsident der bpb, sagte zum Abschluss des Festivals: „Dem Festival ist es gelungen, in der Stadt anzukommen. Das zeigen die hohen Besucherzahlen und das große Interesse an den Diskussionsveranstaltungen. Die eingeladenen Stücke mit ihren Themensetzungen beweisen, dass das Freie Theater auf der Höhe der Zeit ist: Ob Menschenhandel, Generationenvertrag, Körperoptimierung, Finanztransaktionen, Migrationsdebatte - es war kein Thema dabei, das derzeit keine gesellschaftliche Relevanz besitzt. Das politische Theater ist nicht aus der Zeit gefallen.“ Außerdem, so Krüger, habe sich die neue Struktur des Festivals bewährt: „Die Tatsache, dass die bpb das Festival gemeinsam mit zwei starken lokalen Partnern veranstaltet hat, hat diese Ausgabe zu einem ganz besonderen Erfolg geführt.“

Foto: "Money - It Came From Outer Space"©T. Aurin

Europäisches Zentrum der Künste Dresden