Festspielhaus Hellerau

Helleraus Künstlerischer Leiter Dieter Jaenicke zum Themenschwerpunkt Migration

-Dresdner Kulturmagazin, April 2010

»Wir haben dieses Problem hier nicht...« So schlicht wie perfide kommt er daher, dieser Satz, den Hellerau zum Titel eines Themenschwerpunktes im April gemacht hat, eine Zuschauerreaktion auf Constanza Macras‘ Arbeit mit Migrantenkindern im vergangenen Jahr. Vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen um Migration und Ausländer in Dresden nimmt Hellerau die Herausforderung an und erteilt mit zwei (performativen) Installationen vom 15. bis 21. April der Kunst das Wort. Gleichzeitig sprechen in einer Podiumsdiskussion Experten und Betroffene über diesen merkwürdigen Widerspruch, dass der Ausländeranteil Dresdens unter den Großstädten deutschlandweit am niedrigsten ist und dennoch in Sachsen seit Jahren die NPD im Landtag sitzt. Für DRESDNER Kulturmagazin hat Cornelia Walter dem Künstlerischen Leiter von Hellerau, Dieter Jaenicke, drei Fragen zum Projekt gestellt.

Was erwartet die Besucher in Hellerau?
»Der Hof« von Jean Michel Bruyere ist eine künstlerisch faszinierende Installation in allen Räumen Helleraus über die Tatsache, dass wir in ganz Europa wieder gefängnisartige Lager für Menschen haben, die vor katastrophalen, oft im Wortsinne tödlichen Lebensbeingungen zu uns flüchten. Graeme Millers Installation reflektiert die absurde Tatsache, dass Menschen in ihrer Verzweiflung sich in Radkästen von Flugzeugen auf die Flucht begeben und dann als tote oder lebendige Migrations-Kadaver vom Himmel fallen. Das ist schon skurril in seiner ganzen Traurigkeit.

Die Dresdner verstehen sich gerne als Insel der Seligen, darauf spielen Sie an mit dem Titel des Themenschwerpunktes. Wie wollen Sie es schaffen, dass das Publikum nicht nur den erhobenen Zeigefinger bei den Projekten sieht, sondern sich auch drauf einlässt?
Dresden ist eine der deutschen Großstädte mit dem geringsten Ausländeranteil. Das kann eine Insel sein, aber keine der Glückseligkeit, auf der ein Teil urbaner Realität im 21. Jahrhundert fehlt. Uns fehlt der selbstverständliche Umgang mit anderen Kulturen, Religionen und Hautfarben. Multikulturalität ist auch kulturelle, kosmopolitische Bereicherung. Wir erheben den Zeigefinger nicht, die Projekte informieren, provozieren, schrecken auf, aber sie überlassen dem Publikum das Beziehen von Positionen. Sie können und sollen als Kunst-Projekte und als inhaltliche Kommentare auf ein eklatantes Problem unserer Zeit gelesen werden.

Eine Herausforderung bei Projekten, die sich mit Migration und Fremdenfeindlichkeit beschäftigen ist ja immer, nicht nur diejenigen zu erreichen, die für das Thema ohnehin sensibilisiert sind. Warum ist für Sie zeitgenössische Kunst da ein Mittel der Wahl?
Die Kunst kann uns oft direkter und näher als jede politische Debatte an Probleme und Phänomene heranführen. Wir wollen nicht einfach nur Fremdenfeindlichkeit thematisieren, es geht auch um eine Auseinandersetzung mit unseren ethischen, christlich-abendländisch geprägten Grundwerten, das sind übrigens auch sozialistische Grundwerte, in der der Andere, die Solidarität, meinetwegen die Nächstenliebe unverzichtbar für das Miteinander der Menschen sind. Schaun wir mal, was Dresden damit anfängt. Ich wünsche mir viel Diskussion.
Vielen Dank für das Gespräch!

www.dresdner.nu

Europäisches Zentrum der Künste Dresden