Festspielhaus Hellerau

Eine Kunstkur - die TONLAGEN-Junge Jury hat sich entschieden nicht entschieden.

Das TONLAGEN-Festival war laut, bunt und anders: genau wie das Publikum, gemischt und vielseitig. Den Altersdurchschnitt sollte die erste Junge Jury deshalb kaum gehoben haben, aber aufgefallen sind sie trotzdem: Die sieben jungen Menschen, die immer da waren: Matilda (19), Tilman (20), Tara (19), Kira (17), Johanna (16), Elias (19) und Hanna (16). Es umgab sie ein leichter Schleier von mystischem Einfluss; selbst wenn sie noch nicht im Saal waren, kündigten die „Reserviert“-Schilder ihr Kommen an. Aber warum eine Junge Jury? Die HELLERAUER Festivalmacher wollten wissen, ob und wie ihr Programm bei Schülern ankommt. Die Ausschreibung dazu folgte im Internet und im Programmheft. Das Angebot: jede Veranstaltung besuchen und beurteilen, bei freiem Eintritt und mit der Aussicht, hinter die Festivalkulissen schauen zu dürfen. Beworben haben sich sieben Jugendliche, die teilweise musikbegeistert, neu in der Stadt oder bereits HELLERAU-Fans waren. Selbstständig entschieden sie sich, in welcher Form sie bewerten und preiskrönen wollen, dabei legten sie auch selbst die Kriterien fest: ob es nun um Professionalität oder um den/die schönste/n Musiker/in ging, war ihnen überlassen. Soll es einen Sieger geben? Reicht eine ernstgemeinte Kritik? Diese Diskussion fand eine Woche vor dem Festival statt. Und nun, fast vier Wochen später, endlich ein Ergebnis, das lang diskutiert und strukturiert wurde. Denn eines ist klar: Bei zeitgenössischer Musik ist nichts so eindeutig wie der Ausspruch: „Kunst liegt im Auge des Betrachters.“ Lesen Sie hier die Bewertungen der jungen Kritiker zu den einzelnen Veranstaltungen: Vielleicht stimmen sie ja mit Ihrer Meinung überein? Oder ist die Betrachtung von Kunst und Kultur auch eine Sache von Alter und Reife?

Das Festival eröffnete am Mittwoch, dem 19. Oktober, mit Klangkunst aus Brasilien. O Grivo zeigte dem Publikum, wie man Gegenstände hörbar machen konnte. Die Junge Jury fand es auf der einen Seite spannend, wie experimentierfreudig die beiden Herren waren – zum Teil konnte man sich Filmszenen mit den Klängen vorstellen. Doch nur phasenweise herrschte ein Zusammenspiel, es schien, als gäbe es kein Agieren miteinander. Einige beschrieben es als zu eintönig und ohne erkennbaren Aufbau.

Begeistert waren die Kritiker vom Dirigenten Kristjan Järvi, der mit seiner Art wusste, wie man das Publikum animiert. Auch Bryce Dessner fanden sie ‚cool‘. Zum Teil sei es dennoch verwirrend gewesen, das Zusammenwirken von E-Gitarre und MDR Sinfonieorchester hätte an einigen Stellen nicht zusammengehörig geklungen. Außerdem kritisierten die Jugendlichen, dass zum Beispiel die Geiger unmotiviert wirkten, ohne Anteil an den Gitarrensolos. Im Vergleich zu den anderen Veranstaltungen schneidet Garcia Counterpoint eher schlecht ab, obwohl es auf der musikalischen Ebene mit dem ‚Juryblick‘ weiter vorn als andere liege.

Am Donnerstag folgte Lichtmusik, The Enlightenment von Quiet Ensemble, das zweite Stück, überzeugte die jungen Kritiker mehr als FLIMMERSKOTOM von Glogowski/Hecke/Hoesch. Das zweite Stück sei besser nachzuvollziehen gewesen, die Töne hätten ein ganzes Musikstück ergeben, während das erste vielleicht eher in die Thematik ‚Licht erzeugt Ton’ eingeleitet habe, ohne den Drang, ein ganzes Lied daraus zu machen. Ästhetisch jedoch wären beide schön gewesen, gar zauberhaft – die Idee dahinter, dass Lichter Musik erzeugen, wurde als super und toll bewertet, selbst von denen, deren Erwartungen nicht erfüllt wurden oder deren Geschmack nicht getroffen wurde. Die Erfahrung sei spannend gewesen und auf jeden Fall etwas, was man im Kopf behält.

Raster-noton überzeugte mit tollen visuellen Effekten und einer lockeren Partystimmung. Die Veranstaltung war genauso ‚cool‘ wie ihr interessantes Publikum, welches ein ganz anderes Flair als die vorherigen Abende brachte. Doch auch hier teilten sich die Meinungen: Während die einen berichteten, es hätte sie beeindruckt und nicht losgelassen, wünschten sich die anderen ein anderes Line-Up. Nach vier Stunden war bei ihnen das Bedürfnis jedenfalls groß, etwas Melodisches zu hören – hier wäre gleichbleibender Techno auch nach zwei Stunden genug gewesen.

Als ungewöhnlich wird Duo Resonanzen beschrieben. Es seien gewiss gute Musiker und an einigen Stellen hätte das eine oder andere Stück auch sehr gut geklungen, jedoch sei es schwierig gewesen, wenn man zum ersten Mal diese Art von neuer Musik höre. Speziell, so lautete das Urteil der Jury, Flöte und Klavier seien jedoch musikalisch professionell inszeniert gewesen.

Im Anschluss an Melismen und Formeln fand Nik Bärtsch’s Mobile statt, die Jugendjury nahm Platz auf Sitzkissen – ohne diese, so einige, wäre das Musikerlebnis nicht so schön gewesen wie auf Stühlen, es garantierte eine bequeme Stimmung. Im Ganzen wirkten die Künstler und ihre Musik sympathisch, soft und ähnlich funktionierend wie ein Uhrwerk: Ohne Noten stimmten sich die Musiker über Blicke ab, wann ihre Einsätze waren. Man spürte ebenfalls den Spaß der Musiker an der Musik. Beeindruckend wurde auch der Umgang mit dem Licht beschrieben, zum Beispiel das Hereinleuchten in die Schlaginstrumente.

Das erste Wort, welches bei der Auswertung von Musik im Liegen fiel, war „Träume“. Durch das Liegen konnte die Musik, die gespielt wurde, anders wahrgenommen werden. Man kann dadurch ganz andere Arten von Musik zeigen, stimulierende Musik, da man nicht ständig aufpassen und analysieren musste. Doch auch hier hatten einige höhere Erwartungen: Man wünschte sich mehr Töne, die einen hätten tragen können – man hatte sich Spektakuläreres vorgestellt. Andere wiederrum meinten, die Musik hätte gut dazu gepasst, sie wäre ‚in einen hinein gegangen‘ und wäre etwas für Trance. Aber in einem waren sich alle einig: Das Konzept, im Liegen Musik zu hören, sollte öfters und mit verschiedenster Musik umgesetzt werden.

Auf Marco Blaauw hat sich besonders ein Jurymitglied gefreut und auch nach dem Auftritt blieb es sein Favorit: Schon allein wegen des RING Trios, das auch eine gute Dynamik zu Blaauw gehabt habe; die Musik sei frei und abstrakt gewesen, aber nicht unangenehm. Man lobte die Bühnenpräsenz der Musiker, ihre Spritzigkeit, welche sich wie ein Nervenkitzel auf das Publikum übertrug, da rückte die Besonderheit des Baus der Trompete schnell in den Hintergrund. Und eine Frage blieb offen: Hätte das Konzert ohne das RING Trio auch so mitgerissen?

Das Duo Enßle-Lamprecht schnitt im Vergleich zu Duo Resonanzen besser ab. Man habe gespürt, dass ihnen die Musik Spaß machte, es sei abwechslungsreich und peppig gewesen. Der Mix aus mittelalterlicher und neuer Musik wurde auch gelobt, durch die alte Musik hätte man gut entspannen können zwischendurch. Positiv bewertet wurde auch die Anwesenheit der Komponisten. Alles in allem ein schönes Konzert, welches alle Vorurteile gegenüber der Blockflöte ausräumte.

Der Preis für die beste Frisur und Darstellung eines Dirigenten geht an die Oper Tree of Codes von Liza Lim . Überhaupt beeindruckten bei diesem Stück vor allem die Darsteller, besonders die Schauspielleistung von Yael Rion , der den Vater spielte. Insgesamt teilten sich auch hier die Meinungen. Zum einen war man begeistert von der Inszenierung, die englische Sprache habe besonders berührt und es sei wie eine ‚Auflockerung des Festivals‘ gewesen, im Gegensatz zu den anderen beiden Tagen, an denen nicht so viel passiert sei. Andere waren anfangs überfordert durch die Übertitel und konnten sich somit nicht gänzlich auf das Stück konzentrieren. Man nannte es das ‚Opern-Syndrom‘, es passierte viel mit Kostüm, Musik und Text, sodass man schnell den Blick für das Ganze verlor. Entweder, so hieß es, konzentrierte man sich auf den Inhalt der Handlung oder man genoss die Vorstellung von der optischen und akustischen Darbietung.

Was ein bisschen aus dem Rahmen fiel, war What Boundaries?! , so die Jury. Es sei nicht so abstrakt gewesen wie die anderen Vorstellungen, auch wenn Andromeda Mega Express Orchestra zeitgenössisch klang. Vielleicht gerade deshalb zählt diese Veranstaltungen zu einen der Top-Favoriten von TONLAGEN. Voller Energie riss die Musik aus Malawi das Publikum mit sich, man wollte sich bewegen, man lachte. Gut bewerteten die Kritiker, wie viel Vielfalt der Abend in das Festival brachte durch die afrikanische Kultur. Interessant die Frage, wie weit andere Kulturen mit der zeitgenössischen Musik sind und auch die Mischung wurde gelobt, die dadurch mal als anspruchsvoll und mal als leicht wahrgenommen wurde.

„Was war das denn?!“, begann der spontane Ausruf eines Jurymitglieds in der kleinen Runde direkt nach der Inszenierten Nacht von ensemble ascolta und Simon Steen-Andersen , „Richtig geil!“. Die Musiker hatten sich schon im Vorfeld auf das junge Publikum gefreut, nun wird ihnen deren Meinung noch mehr gefallen: Auf unterhaltsame Weise Klassiker neu umsetzen fand der Großteil der Jury richtig gut. Es hätte einen mitgerissen, vor allem die Rachearie hat gefallen. Doch zugeben mussten sie auch, dass es Geschmacksache ist: Einige suchten mehr Gefühle bei der Performance, andere erkannten die Ernsthaftigkeit der Stücke nicht.

Marco Scarassatti , so wurde einstimmig entschieden, sollte einen Preis für besonderes Engagement erhalten. Während des gesamten Festivals fanden seine Klangspaziergänge statt, die Klein und Groß faszinierten, ebenso wie seine drei Klangskulpturen vor dem Festspielhaus. Man hatte an diesem Abend das Gefühl, dass das Musikstück, welches er spielte, deshalb schon mit den anderen Aktionen begonnen hatte. Er stach hervor als ‚ganz anderer Musiker‘, der persönliche Kontakt zu ihm beeinflusst die Art und Weise, wie man seine Musik wahrnimmt. Andere bewerteten Marcos Performance weniger gut, da die Klänge bei ihnen keine Bilder im Kopf erzeugt hätten.

Der letzte Tag des Festivals begann mit MIKRO MAKRO META . Gelobt wurde die Interaktion mit dem Publikum, erstaunlich sei gewesen, wie jeder Ton mit der Stimmgabel abgenommen wurde. „Wie ein Kuchen mit vielen Zutaten“ beschrieb es einer der Jury. Doch es traf nicht den Musikgeschmack von allen, einer fand es „gar nicht lustig“ und zum Teil „dumm inszeniert“.

Das Morphonic Lab XV als Abschluss des Festivals wurde ebenso verschieden wahrgenommen. Auf musikalischer Ebene einerseits sehr gut, die dunkle Atmosphäre, das leicht Depressive jedoch ist einfach Geschmackssache. Es wirkte leider nicht wie ein abgerundeter Abend, im Vergleich zu raster-noton fehlte Publikum und das Ausgelassene, kaum ein Besucher tanzte an dem Abend. Kritisiert wurde auch, dass es manchmal etwas chaotisch war und nur für die Dresdner Bands applaudiert wurde.

Doch was heißt das nun im Gesamtblick? Jeder hatte seine eigenen Favoriten, häufig genannt wurden Malawi Sounds , raster-noton , auch das MDR Sinfonieorchester trotz Kritik. Es wurde diskutiert, ob man einfach unter Juryblick und persönlicher Meinung unterscheiden sollte. Doch trotzdem sind sich alle einig: Es kann nicht den EINEN Gewinner geben. Sehr dankbar war die Junge Jury für die Chance, die ihnen gegeben wurde: Neue Musik kennenzulernen. In der Schule wird man konfrontiert mit allen Klassikern der Kunst, nicht nur in der Musik. Zeitgenössisches wird da oft nur mit einem spöttischen Lächeln abgetan, sodass man gar nicht in Kontakt kommt und auch kein weiteres Bedürfnis dazu entwickelt. Das TONLAGEN-Festival, so die ausnahmsweise mal einhellige Meinung der Jury, habe sie für zeitgenössische Musik geöffnet, und nicht nur das, zwei der Jugendlichen wurden dadurch überhaupt erst an HELLERAU herangeführt: „Ohne das hier wäre ich wahrscheinlich nicht so schnell und unvoreingenommen hierher gekommen, was sehr schade gewesen wäre.“ HELLERAU habe eine hohe Qualität zu bieten, was Möglichkeiten der Raumgestaltung betrifft sowie die Technik, die zum Einsatz kommt. Vor allem beim Festival habe sich das einmal wieder gezeigt: so abwechslungsreich, wie das Programm war, so abwechslungsreich waren auch die Räume, in denen es stattfand. Die Stimmung war toll, die Ausstellungen waren super und genauso interessant wie die Künstler von überall her und deren Projekte. Sieben Jugendliche, zehn Tage und siebzehn Veranstaltungen. Strengt das nicht an? Auf diese Frage kam die Antwort: „Es war wie eine Kunstkur, eher erholsam.“ Die Junge Jury schickte uns am Ende noch einmal einen Text, der den Sieger vielleicht doch verrät: „ Wir haben bemerkt, dass ein regelmäßiger Besuch von HELLERAU unserem Körper und Geist gut tut, der besondere Charme des Programms ließ uns Augen und Arme öffnen voll Erstaunen. Ein Erstaunen über die Stimmen anderer Länder und über die Verschiedenheit musikalischer Ideen und lebender Grundgerüste der Künstler. Wir glauben, das ist etwas sehr wichtiges. Das große Feld der Impulse führte von der Musik selbst bis zu ihren Ausläufen, Regungen der Zuhörerschaft, Wellen der Faszination, die auch in unserer Gruppe ein gutes Maß an wahrer Freude und Kritik erschufen. Es war uns ein Fest! Vielen Dank!“ Eins ist jedenfalls klar: HELLERAU hat gewonnen. Auch wir sagen danke!

Europäisches Zentrum der Künste Dresden