Festspielhaus Hellerau

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Dieter Jaenicke und sein Team verabschieden sich von HELLERAU

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  • Di 03.07.18

Dieter Jaenicke und sein Team verabschieden sich von HELLERAU

Mit den Veranstaltungen am 29. und 30. Juni 2018 verabschiedete sich Dieter Jaenicke mit folgenden Worten aus HELLERAU:

Meine Damen und Herren, liebe Gäste und Freunde,

Um das gleich am Anfang klar zu machen und weil mich so viele fragen: Ja, es tut weh, sich von der beruflichen Aufgabe, die ich mehr als jede andere in meinem Leben geliebt habe, von dem Haus, das ich liebe, zu verabschieden. Der Abschied von etwas, das wir lieben, tut immer weh. Und das ist in Ordnung so.

Wir sind vor fast zehn Jahren mit dem großspurigen Anspruch angetreten, aus HELLERAU das wichtigste Zentrum für Darstellende Künste in den Neuen Bundesländern zu machen, ohne Konjunktiv und ohne Relativierung. HELLERAU ist heute mit Sicherheit das wichtigste Zentrum für zeitgenössische Darstellende Künste in den Neuen Bundesländern.

WE WERE HERE. Wir haben etwas aufgebaut, wir haben etwas geschaffen, wir hinterlassen Spuren, Fußstapfen sozusagen.

Keine Angst, ich werde Ihnen jetzt nicht noch einmal alles erzählen, was wir in den vergangen fast zehn Jahren gemacht haben. Ein paar Dinge möchte ich aber schon erwähnen: Wir haben ein Haus übernommen, das in dem Ruf stand, elitär zu sein, das kaum wahrgenommen am Rande der Stadt ein eher bescheidenes Dasein führte, ohne festen Spielplan, wenig international und wenig lokal vernetzt.

Wir haben daraus in wenigen Jahren eines der wichtigsten Tanzzentren Europas gemacht. Nicht weil Tanz meine Vorliebe ist, sondern weil dieses Haus vor über 100 Jahren für die Bewegung und ihr Verhältnis zur Musik gebaut wurde. Mein Verständnis von Denkmalpflege beschränkt sich nicht auf Steine und Gebäude, auf historisch korrekte Fenstermasse und Farbanstriche. Respekt vor einem Kulturdenkmal heißt für mich die Essenz seiner Bestimmung zu verstehen und zeitgemäß zu interpretieren. Dieses Haus ist für den Tanz geschaffen worden und dieser Bestimmung sind wir gefolgt. Aus meiner Sicht kann es nicht Aufgabe und Entscheidung eines Intendanten und auch keines politischen Gremiums sein diese Bestimmung umzuinterpretieren.

Wir haben gemeinsam über Jahre gehende Förder-, Entwicklungs- und Auftrittsprogramme für die lokale Szene entwickelt: Linie 08 für die Tanzszene, Bandstand und diverse andere Formate für die Musikszene, mit dem Street-Culture-Festival haben wir die urban-Szene ins Haus geholt und mit dem Format Floor on Fire haben wir urban-dance, Ballett und zeitgenössischen Tanz auf Augenhöhe zusammengeführt.

Heute ist HELLERAU nicht nur das Haus, in dem die besten Tanzkompanien der Welt auftreten und die man in dieser Regelmäßigkeit in keinem anderen Haus in Deutschland sehen kann, es ist auch das Haus für viele lokale Künstler, für die urban-dance-Szene, der Ort für die digitalen Künste, der Fotografie in Dresden, seit es den internationalen Wettbewerb Portraits bei uns gibt, das Haus für die zeitgenössische Musik und für die ambitionierte populäre Musik.

Und ganz nebenbei erwirtschaften wir nahezu die Hälfte unseres künstlerischen Etats inzwischen selbst – welche andere Kulturinstitution in Dresden kann das von sich behaupten?

Wir haben mit wegweisenden Projekten die Bedeutung HELLERAUs gefestigt: RomAmoR, das in den letzten Jahren europaweit größte Projekt zu den Kulturen der Sinti und Roma – unter anderem deshalb sind wir der Meinung, das Johann-Trollmann-Mahnmal auf der Ostseite hat bei uns seinen richtigen und würdigen Platz.

Unsere Künstlerresidenzen, um die wir lange kämpfen mussten, sind inzwischen weltweit begehrt und geschätzt.

Projekte mit vielen Partnern in Afrika, in China, Korea, Taiwan, Québec, Brasilien, im Maghreb und der arabischen Welt, über street cultures, Kunst und Spiritualität und schon 2010 ein Projekt über Migration und Flucht und gemeinsam mit dem Staatsschauspiel 2011 das Festival „Fremd“, beides Projekte, die die kommenden Probleme früh vorausgesehen und benannt haben, die Tanzplattform Deutschland und nicht zuletzt im letzten Jahr das große Projekt „Rekonstruktion der Zukunft“, in dem wir die legendäre Appia-Bühne und den Lichtraum Alexander von Salzmanns nachgebaut haben. Wir haben die visionäre Kraft dieses Raums, der Blaupause für ein neues Bühnenverständnis im 20. Jahrhundert geworden ist, konkret erfahrbar gemacht, das Theater ohne Fluchtpunkte, des schattenfreien Lichts – längst klassische Begriffe der Theaterwissenschaft, die HELLERAU-Bühne: der erste white cube der Geschichte, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Wir sind stolz, mit diesem Projekt zur Architektur-Biennale nach Venedig eingeladen zu sein und den Anstoß gegeben zu haben, dass das Festspielhaus Hellerau von der Bauhaus-Jury in die Liste der 100 wichtigsten Gebäude der Moderne in Deutschland aufgenommen wurde.

HELLERAU ist in den letzten Jahren ein Weltfenster geworden in einer Stadt, in der es mit 4,5 Prozent erschreckend wenige Ausländer und erschreckend viel Ausländerhass gibt. Dieses Weltfenster brauchen wir, braucht die Stadt. Wir tragen Europa in unserem Namen: „Europäisches Zentrum der Künste“, aber Europa kann nicht nur innerhalb seiner eigenen Grenzen verstanden werden, Europa lebt zu einem großen Teil von und durch den Austausch mit dem Rest der Welt. Mein Kollege Andreas Nattermann, Intendant des Societaetstheaters, nannte unser Programm „welthaltig“. Ich mag dieses Wort: Es drückt die Weltoffenheit und die Haltung aus, die wir repräsentieren. Wenn HELLERAU seine Funktion als Weltfenster zugunsten einer schwerpunktmäßig auf Europa oder gar eines Teils von Europa gerichteten Blicks aufgeben würde, wäre dies ein großer Fehler für Dresden, für den Freistaat Sachsen und für HELLERAU. Wir haben uns in HELLERAU in den letzten Jahren sehr intensiv für ein weltoffenes Dresden und für die Aufnahme und Integration von Geflüchteten engagiert. Wir haben über lange Zeit eine Syrische Familie beherbergt. Wir haben mit dem Golgi Park eine interkulturelle Begegnungsstätte für Geflüchtete, Anwohner und Aktivisten geschaffen. Wir haben ganz einfach Verantwortung übernommen und waren schon erstaunt in welchem Ausmaß uns das von manchen übelgenommen wurde – und ich meine hier gar noch nicht die AfD.

Es wird immer von Flüchtlingskrise gesprochen. Wenn eine Staatengemeinschaft wie die EU mit über 500 Millionen Einwohnern nicht in der Lage ist, 2 bis 3, vielleicht 4 Millionen Geflüchtete aufzunehmen, dann haben wir keine Flüchtlingskrise, sondern eine Krise der EU und wir haben eine Krise des viel zitierten christlichen Abendlandes, dessen zentraler Wert die Nächstenliebe ist. Ich bin nicht religiös, aber ich finde, dieser Wert ist nach wie vor eine gültige Handlungsorientierung.

Migration gibt es, solange es die Menschheit gibt. Zu allen Zeiten der Geschichte haben sich von Krieg, Hunger, Klimawandel und anderen Dingen bedrohte Menschen auf den Weg gemacht nach einem besseren Leben – auch und gerade von Europa aus. Wir sollten an den Fluchtursachen arbeiten. Das erfordert auch die Bereitschaft, das, was wir haben, in ganz anderem Maße zu teilen, als wir das bislang tun. Es erfordert zivilgesellschaftliches Handeln, sonst gehen unsere Demokratien, unsere freiheitliche Lebensform unter dem Druck von Innen und von Außen kaputt und wir steuern in eine autoritäre Zukunft, in der Nächstenliebe und Menschenrechte nur noch Lachnummern sind – das wird nicht ohne Teilen und Abgeben gehen. Sonst werden wir Migrationen erleben, die jenseits unserer Vorstellungkraft sind. Spätestens 2050 werden in Afrika 2 bis 2,5 Milliarden Menschen leben und wenn nichts passiert, mindestens zwei Drittel von ihnen unter der Armutsgrenze und alle – und das ist anders als zu jedem anderen Zeitpunkt der Geschichte – können auf Smartphones, die es bis in den letzten Winkel der Welt gibt und die wir ihnen verkaufen, alle sehen, wie es uns geht, und selbstverständlich versuchen sie hier her zu kommen. Ich würde nichts anderes tun, wenn ich in Mali, im Süd-Sudan, in Syrien oder Afghanistan keinerlei Überlebensmöglichkeit und Zukunft für meine Familie und Kinder mehr sehen würde und ich nehme an, die meisten von Ihnen auch. Man kann keine Mauern so hoch bauen, um das zu verhindern und kein Meer so effektiv abdichten, dass keiner mehr durchkommt. Abschottung (das lehrt uns die Geschichte gerade dieses Teils von Deutschland) funktioniert auf die Dauer nicht ohne Schießbefehl. Das ist keine wüste Zukunftsvision. Die Vorbereitungen dazu passieren diese Woche mit den Manövern von österreichischer Bundespolizei und Militär an der ungarischen Grenze. Die Teilung der Welt in Ausgeschlossene und Nicht-Ausgeschlossene funktioniert auf die Dauer nicht in einer demokratischen Gesellschaft, die den Menschenrechten verpflichtet ist. Eine Demokratie, die die Menschenrechte nur für sich selbst in Anspruch nimmt, verliert ihre ethische Rechtfertigung und höhlt damit ihr eigenes Fundament aus.

Ich denke, in Zeiten, in denen es leider wieder darum geht, Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen – und in diesen Zeiten sind wir jetzt und werden es auch für eine ganze Weile bleiben – ist ein internationales Kunstzentrum ein eminent politischer Ort, muss es sein, sonst bleibt von dem Wahren, dem Schönen, dem Guten, das über so vielen Theatern steht, nur noch das Schöne.

HELLERAU als ein Weltfenster hat eine Funktion in dem Ringen um die Ausrichtung der gesellschaftlichen Zukunft. Es darf seinen Blick und sein Blickfeld nicht reduzieren; weder auf die Kunst allein, noch auf Europa allein, noch auf den üblichen Szene-Mainstream. Das wäre mein Wunsch für dieses Haus.

Schönheit darf und soll dabei durchaus eine Rolle spielen. Die großartigen Momente, die einem große Kunst und bewegende Schönheit vermitteln, gehören zu den besten Erfahrungen, die wir machen können. Auch dafür war HELLERAU in den letzten fast zehn Jahren ein Ort – und wird es hoffentlich bleiben.

Und heute Abend werden Sie vom Batsheva-Ensemble die geniale Verbindung von atemberaubender Schönheit und einem vielschichtigen politischen Statement sehen: basierend auf Handtkes Publikumsbeschimpfung, die vor allem eine Beschimpfung der Mächtigen ist, werden sie beschimpft und zugleich mit der Schönheit des Tanzes des Batsheva Ensembles konfrontiert.

Meine Damen und Herren, zu einem Abschied gehört auch ein Dankeschön, in Wirklichkeit sehr viele Dankeschöns.

Ich danke der Landeshauptstadt Dresden zu der wir gehören. Ich danke der Landesregierung des Freistaates Sachsen, ebenso dem Innenministerium des Freistaates Sachsen, dem Staatsministerium für Kultur und Medien der Bundesregierung für die Unterstützung im Rahmen des Bündnisses der Internationalen Produktionshäuser in Deutschland.

Ich danke den vielen Stiftungen, die regelmäßig Projekte von uns gefördert haben: der Kulturstiftung des Bundes, der Kulturstiftung des Freistaats Sachsen, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und Ostsächsischen Sparkasse, der Stiftung Kunst und Musik für Dresden, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, der Siemens-Musik-Stiftung, der Robert-Bosch-Stiftung, dem Institut für Auslandsbeziehungen, der Europäischen Union für jahrelange Unterstützung und vielen kleineren Stiftungen und Förderprogrammen.

Ich danke all unseren Partnern und Netzwerken in Dresden, der Intendantenrunde, dem Bündnis der internationalen Produktionshäuser und allen Partnern in den Kulturinstitutionen und unseren Netzwerken weltweit.

Ich danke dem Förderverein HELLERAU, allen voran ihren Vorsitzenden Herrn Freiherr Dr. Bernhard von Loeffelholz und Stefan Heinemann.

Und natürlich danke ich zu allererst und mit dem größten Dankeschön den vielen vielen großartigen Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir hier zusammenarbeiten durften.

Ich danke mit einem Herz voller Liebe meiner wunderbaren Familie, meinen Freunden hier und in der ganzen Welt und vor allem danke ich meiner Tochter Aisha, Euch allen für die Kraft, die Liebe und Unterstützung ohne die ich meine Aufgabe hier niemals so hätte erfüllen können.

Ich danke meinem großartigen Team, den vielen freien Technikern, den front-of-house-Mitarbeitern der Firma Power, der Pastamanufaktur und allen anderen.

Und unser ganz großer Dank gilt von ganzen Herzen Ihnen, unserem Publikum, das uns all die Jahre begleitet hat.

Ich wünsche meiner Nachfolgerin Carena Schlewitt und ihrem Team eine glückliche Hand mit diesem Haus und in dieser Stadt, in der es nicht leichter werden wird für ein Zentrum wie HELLERAU. Wir übergeben Euch, denke ich, ein bestelltes Haus und eine ordentliche Bundesförderung noch gleich mit dazu. Geht sorgsam mit diesem Haus um, hört auf dieses Haus, es hat sehr viel zu sagen.

Meine Damen und Herren, ich danke Dresden für das Privileg, dass ich in diesem großartigen Haus arbeiten durfte, ich habe es geliebt, ich liebe es und es war eine wundervolle Zeit. Und ich hoffe, wir haben Ihnen einige denkwürdige und erinnerungswürdige Stunden bereiten können.

Ich danke Ihnen!

Meine Damen und Herrn, wir verabschieden uns, behalten Sie uns in guter Erinnerung.

Öffnungszeiten während der Sommermonate:

Vom 07. Juli bis 06. August 2018 bleibt das Besucherzentrum geschlossen.
Ab dem 07. August öffnet das Besucherzentrum wieder zu den regulären Öffnungszeiten: Mo - Fr von 10 - 18 Uhr, Sa/So von 11 - 18 Uhr
Die Führungen durch den Werkbund werden auch im Sommer jeweils freitags um 14 Uhr und am 3. Sonntag des Monats um 11 Uhr angeboten.

Der Vorverkauf für die Veranstaltungen ab September startet am 07. August.

Europäisches Zentrum der Künste Dresden

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